Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

Aus Zahns Leben. 
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So gern und lebhaft er sich an jedem bedeutsamen Gespräch 
beteiligte, und beträfe es die keinsten Dinge, so widerwärtig war ihm 
die gewöhnliche Unterhaltung über Tagesneuigkeiten und unbedeutende 
Dinge. Im Kreise der Bekannten schien seine bloße Gegenwart zu 
genügen, den Ton der Unterhaltung auf einer würdigen Höhe zu 
erhalten; in weiteren Kreisen wußte er dies, wo nötig, durch seine 
Beteiligung an der Verhandlung zu bewirken. Das Wortemachen 
scheute er. Wenn er zu einer Sache sprach, geschah es kurz und gern 
so, daß er auf bedeutsame Beziehungen hinwies oder sonstwie das 
Nachdenken auf die Bedeutung des zur Verhandlung stehenden Ein 
zelnen für das höhere Ganze lenkte. Frisches, ungeniertes Aussprechen 
liebte er, auch Humor, Witz und Scherz wußte er zu würdigen, wenn 
er sie auch selten anwandte. 
Als er vor seinem Heimgänge infolge eines Falles längere Zeit 
das Bett hüten mußte, freute er sich sehr, wenn ihm ein bedeutsames 
Schriftwort oder Ähnliches gesagt wurde. Wollte ihn aber der Be 
suchende mit gewöhnlichen Neuigkeiten unterhalten, so wandte er das 
Gesicht zur Wand und sagte später wohl zu einem Familienglieder 
Wenn mich die Menschen doch mit solchen Trivialitäten verschonen 
wollten! Sagten sie mir doch ein kräftig Wort! 
Ich habe oft mit älteren Schülern Zahns über das aristokratische 
Wesen unsers verehrten Direktors gesprochen und es bedauern hören, 
daß dasselbe wohl manchen von ihm ferngehalten habe, der sich gern 
ihm genähert und ihm sein Herz ausgeschüttet hätte, um bei ihm Rat 
und Hilfe zu finden. Es wurde wohl gesagt, das Leben in den 
Berliner und Dresdener Kreisen hätte es ihm angetan. 
Aber wie schon der Bericht über sein Leben mit v. Kottwitz und 
Graf Dohna beweist, war Zahn keineswegs der Mann, der sich von 
der Vollkommenheit im Gebrauch der korrekten gesellschaftlichen 
Formen blenden ließ. Niemand wußte besser als er zu scheiden 
zwischen der korrekten Lebensform und der persönlichen Tüchtigkeit; 
niemand verachtete die Form mehr als er, wenn sie den Mangel an 
rechtem Sein verdecken sollte. Was Zahn in dem Berliner und 
Dresdener Kreise angezogen hatte, 'war die Tüchtigkeit der sie be 
stimmenden Persönlichkeiten. Gewiß ist ihm auch die vornehme 
Haltung dieser Personen, ihre feine Lebensform bedeutsam geworden, 
schon deshalb, weil sie ihm als der passende Ausdruck des inneren 
Lebens, als notwendig zu ihm gehörend erschienen. 
Wenn Zahn von Buffon sprach, so erwähnte er als bedeutsamen 
Zug gern, daß der berühmte Franzose seine prächtigen Monographien
	        

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