Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
und Abhandlungen an schönem Schreibtisch inmitten seines prächtigen 
Salons in tadelloser Gesellschaftstoilette geschrieben habe; man könne 
dies auch seiner Abhandlung „Sur le style“ deutlich abmerken. Wie 
Buffon für die Abfassung seiner klassischen Tierbilder und Ab 
handlungen die vornehme Umgebung und tadellose Kleidung Bedürfnis 
war, so war Zahn das Feine in seiner Erscheinung die entsprechende 
Darstellung und Äußerung seines Seins, die ungesucht und ungewollt 
sich ergebende äußere Form für die Gesinnung und Lebensanschauung, 
die ihn beseelte. 
Wenn nun Zahn nach seinem ganzen Wesen so wenig in den 
Kreis schlichter Volksschullehrer paßte, woher kam dann seine eifer 
süchtige Liebe? Wie ist diese zu verstehen? 
Man könnte sagen: Wie der rechte General seine Würde fest 
zuhalten und dabei doch den geringsten Soldaten als Kameraden zu 
schätzen weiß, in seiner Ehrung und Kränkung sich geehrt und gekränkt 
fühlt, so hätte auch Zahn den treuen Lehrer in der geringsten Schul 
stelle zu schätzen gewußt, mit ihm sich gefreut und gelitten. 
Gewiß wußte er von der Zusammengehörigkeit von Seminar 
und Volksschule; er wußte, daß er sein Amt nicht recht erfüllen 
konnte, wenn er nicht die durch den Bildungsgang des Lehrers, durch 
die eigenartigen Gemeinde- und Schulverhältnisse so mannigfaltig 
gestaltete Arbeit und Aufgabe desselben recht erkenne; er wußte von 
den Schwierigkeiten, die dieser Erkenntnis im Wege stehen und gesteht, 
daß sie ihm trotz alles Suchens erst spät aufgegangen sei; aber seine 
eifersüchtige Liebe hatte doch noch einen tieferen und sichereren Grund. 
In der Schule des Wortes Gottes hatte er die Dinge schätzen 
lernen nach ihrem wahren, bleibenden Wert. In dieser Schule hatte 
er gelernt, groß von dem Berufe des Lehrers zu denken. Es war 
ihm ein heiliger Beruf, der nur als im Dienste Gottes stehend recht 
ausgeführt werden kann. Und wie die Wärterin nicht lassen kann 
von dem Objekt ihrer Sorge, weil .es ein Menschenkind ist, das sie 
hochschätzt, so erwuchs auch Zahn in seiner Sorge für die Schule und 
ihre Lehrer eine ähnliche Liebe, die nicht lassen konnte, weil das 
Objekt seiner Sorge, die Schule, ihm ein Heiligtum war. Er wußte 
aber auch, daß Bedeutung und Wert der Person nicht von der 
höheren oder bescheidenen beruflichen Stellung abhängt, sondern von 
der Treue, der Hingebung und dem Geschick, mit denen sie ihren 
Beruf erfüllt. Weder die hohe Auffassung seines Berufes noch seine 
Liebe würde er sich haben bewahren können ohne den guten Grund, 
den beide Eigenschaften in seinem festen, christlichen Glauben fanden.
	        

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