Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

Frei und Fromm. 
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die Kunstentwicklung wie alles Menschliche Naturgesetzen, aber sie ist keineswegs 
ein Produkt bloß der Zeit, sondern auch des Volkstums, und es steht nicht das 
Geringste im Wege, das Volkstum für den stärkeren Faktor zu halten. Weiter 
sieht, wer die Zeitbedingungen kennt, noch keineswegs in die Geheimnisse der 
Kunst; dazu bedarf es der Kenntnis der Kunst- und bestimmter psychologischer 
Gesetze, die keineswegs von der Zeit abhängig sind, und zur Erwerbung dieser 
Kenntnis gehört eine besondere ästhetische Veranlagung. Das Ideal des Zeit- 
richtigen, Zeitreifen — das sind natürlich nur Umschreibungen des leeren Be 
griffs „modern" — ist dann geradezu komisch. „Ja, wer bestimmt denn", so 
fragte ich in meiner Broschüre „Kritiker und Kritikaster" Herrn Lothar, „ob 
etwas zeitrichtig und zeitreif ist? Das internationale Judentum? Darauf wird 
es wohl zuletzt hinauslaufen. Es sind aber doch immer sehr verschiedene Strö 
mungen in der Zeit, und jeder erklärt die, mit der er schwimmt, für die richtige." 
Natürlich, die Kunst als Ganzes läßt sich nicht in ein Dogma pressen, sie kann 
als solche nicht ohne weiteres schön und sittlich, fromm (in religiösem Sinne) 
und angenehm sein, aber Herr Lothar vergißt ganz, daß die Kunst von Indi 
viduen geübt wird, und an diese dürfen wir zweifellos unsere Anforderungen 
stellen, denn sie sind durchaus verantwortlich für das, was sie schaffen. Es gibt 
zwar in unserer Zeit auch Leute, die, wie sie die Verbrechen der Gesellschaft 
und nicht dem Einzelnen zuschieben, die Kunstübung gleichfalls außer Verant 
wortlichkeit setzen, in mißverständlicher Auffasiung des „unbewußten" Schaffens 
nämlich, aber ich bezweifle doch sehr, ob sich irgend ein bedeutenderer Künstler 
mit dem Verbrecher auf die gleiche Stufe stellen wird — in der Tat weiß auch 
jeder wirkliche Künstler, was er schafft, weiß es wenigstens nach Vollendung 
seines Werkes, wenn auch das eigentliche Schaffen, wie jeder Lebensprozeß, die 
Reflexion ausschließt, und er weiß vor allem, daß er für die Veröffentlichung 
seines Werkes verantwortlich ist. So kann man allerdings sagen, daß die Kunst 
„frei" ist, d. h., daß jedes Werk durch einen Willensakt des Künstlers in die 
Welt tritt, und sie soll auch frei sein, d. h. wirkliche Kunstwerke sollen nicht 
unterdrückt werden. Das wiederum ist aber auch nicht nötig, da wirkliche Kunst 
werke eben auch „fromm" sind, d. h., daß sie zwar das ganze Leben dar 
stellen, aber keine freche Entblößung des Lebens sind, Pietät besitzen. In diesem 
allgemeinen Sinne hatte ich den Ausdruck „fromm" gebraucht, wie der Begleit 
satz „Kunst ist nicht bloß Können, sondern auch Wollen, sittliches Wollen" klar 
erwies — Herr Lothar hatte mir aber selbstverständlich den Begriff der religiösen 
Frömmigkeit untergeschoben, man ist ja bei einem großen Teil des modernen 
Publikums ohne weiteres „rückständig", wenn man religiös gesinnt ist. 
Die Kunst ist frei, ganz gewiß ist sie frei. Ja freilich, der Künstler muß, 
er hat sein Bild der Welt gemäß seiner Natur und seinem Talent aufgenommen, 
der Drang, es wieder in die Welt zu „projizieren", ist unwiderstehlich, und diese 
Projektion geschieht abermals gemäß seiner Natur und seinem Talent, aber alles 
das hebt die Verantwortlichkeit des Künstlers nicht auf, er ist ja nicht allein auf 
der Welt, sondern Mitglied der Gesellschaft wie jeder andere Mensch (der ja 
übrigens auch gemäß seiner Natur lebt und schafft), und die Gesellschaft kann 
nur existieren, wenn sie die „Fiktion des freien Willens" (wie wir einmal sagen 
wollen, ohne uns darum ohne weiteres zum Determinismus zu bekennen) auf 
recht erhält. Haben wir das Wort „frei" bisher in dem Sinne ungefähr von 
„freiwillig" gebraucht, so kann man das „die Kunst ist frei" weiter auch als
	        

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