Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

436 
II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc. 
ja auch als Dichter stets das Maß gewahrt, und wer beispielsweise an dem 
Zustand der Heldin in der „Maria Magdalene" Anstoß nimmt, der ist eben 
prüde, die Darstellung gibt ihm keine Veranlassung. Gerade Hebbel hat ja die 
Poesie als das Gewissen der Menschheit bezeichnet und damit den höchsten Stand 
punkt für sie gefunden. Darum soll die Kunst nicht etwa aufhören, auch die 
Fülle und Schönheit des Lebens darzustellen, was in der Welt ist, darf auch in 
der Kunst sein, aber auf das „Wie" kommt es an. Unter keinen Umständen 
darf ihr je die „interessante Situation", die Bedenklichkeit Selbstzweck werden; 
wo das geschieht, ist stets ein Mißbrauch der Kunst, und mag er auch von einem 
großen Künstler herrühren. Die wirklich großen werden übrigens schwer auf 
einem solchen zu betreffen sein, namentlich nicht die germanischen. Eigentliche 
Frivolität hebt die Kunst vollständig auf, dagegen ist in ihr der Cynismus am 
rechten Orte als Kunstmittel eher zu dulden. 
So viel im allgemeinen. Im besonderen zur modernen Literaturentwick 
lung möge noch gesagt sein, daß man sich in gewissen Kreisen einzubilden scheint 
oder doch so tut, als ob ästhetische Behandlung irgend eines Stoffes den Frei 
brief zur Unsittlichkeit gäbe. Wir haben jetzt eine große Literatur, die nur durch 
ihre Bedenklichkeit existiert und dies auch sehr wohl weiß, aber sich dennoch an 
stellt, als ob sie vollberechtigte Kunst wäre. Sie wählt irgend einen bedenklichen 
Stoff, ein unsauberes Verhältnis des modernen Lebens und stellt dies |tn möglichst 
vielen verfänglichen Situationen dar, angeblich natürlich, um Beiträge zur Er 
kenntnis der Gegenwart zu liefern. Schon zur Zeit, als der Lex-Heinze-Kampf 
tobte, war diese Art Literatur sehr umfangreich, und ich schlug schon damals 
Maßregeln gegen sie vor, wenn ich auch dem Gesetzentwurf wegen seiner schlechten 
Fassung nicht zustimmen konnte; jetzt stehen die Dinge so, daß selbst der Goethe 
bund, der gegen die Lex-Heinze begründet wurde, einen Tag mit veranstaltet, auf 
dem über die Bekämpfung der unsittlichen Literatur, nicht durch das Gesetz, aber 
privatim, verhandelt werden soll. Es kann dabei natürlich nichts herauskommen; 
denn diejenigen Elemente, welche uns die bedenkliche Literatur schaffen, sitzen ja 
zum Teil mit im Goethebunde, und sie werden sich schön hüten, ihr Geschäft zu 
ruinieren, ihre Position in der Literatur zu zerstören. Hilfe kann selbstverständlich 
nur durch ein Aufraffen des deutschen Volkes im ganzen kommen (einige staatliche, 
nicht Polizeimaßregeln, wie die Einführung der Konzessionen für den Buchhandel 
könnten einstweilen nicht schaden), aber das ist schwerlich schon so rasch zu er 
warten, sind doch jene bedenklichen Elemente auch noch mit dem politischen Radi 
kalismus verschwägert, und dieser tut denn auch so, als ob die Freiheit der 
Kunst in ewiger Gefahr schwebe, tut gewaltig ästhetisch, obschon unsere Politiker 
von ästhetischen Dingen in der Regel nicht die Bohne verstehen. Überhaupt muß 
ja die ästhetische Maske heute auf allen Gebieten herhalten; sieht man aber 
genau hin, so merkt man, daß zuletzt doch die radikale Tendenz hinter ihr steckt; 
wie sich Ibsen ausdrückte, man will vor allem die Revoltierung des Menschen 
geistes und benutzt dazu ganz skrupellos die Kunst, obschon diese sicher nicht 
dazu da ist. Nun könnte ja eine konservative Kunst dieser radikalen entgegenwirken, 
aber sie ist, wenn auch vorhanden, doch lange nicht mächtig genug, da selbst ein 
großer Teil der konservativen Presse den modernen Kunstschwindel mitmacht und 
das Theater bekanntlich vollständig in den Händen der bedenklichen Elemente ist. 
Spricht man gar von frommer Kunst, diesmal ist fromm in religiösem Sinne 
gemeint, so wird man ausgelacht oder doch als tendenziös verschrieen, obschon die
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.