Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

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n. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc. 
ästhetisierenden Bestrebung in einen gleichen Gegensatz, wie ehedem zur Natur 
wissenschaft. Wahren wir uns den Geist evangelischer Freiheit, der alles Prüft, 
nicht nach dem Buchstaben, nach zufälligen Äußerlichkeiten, sondern nach dem 
Sinn, der sich nicht bindet an bloße Namen, sondern der, weil er sich seines 
Grundes gewiß weiß, das Schöne und Gute ninnnt, wo er es findet, der in 
jeder Persönlichkeit das Recht des Eigenlebens anerkennt und mit jedem ehrlichen 
Wahrheitssucher zusammengeht, soweit der gemeinsame Weg reicht. 
Zu der gleichen Freiheit kann man andere, zumal die Jugend, nicht besser 
erziehen, als dadurch, daß man sie in die Weite führt, damit sie früh das 
Fremde achten lernt, auch wenn sie es nicht annehmen darf. So wird sie 
gefestigt gegen den Wind fremder Lehre, der doch schließlich an einen jeden kommt. 
Dann ist die Möglichkeit gegeben, daß sie den Kampf um die eigene Welt 
anschauung führen lernt, solange ihr noch Führer und Berater zur Seite stehen. 
Auch ist jede Erweiterung des Gesichtskreises ein Schritt zur Gewöhnung an 
Duldsamkeit. 
Für die rechte Stellung zur Mitwelt ist die Achtung vor der fremden 
Persönlichkeit außerordentlich wichtig. Unser erstes Gefühl dem Fremden, anders 
Gearteten gegenüber ist das der Ablehnung; das ist der Feind wirklichen Ver 
ständnisses und eines rechten, gottgewollten Verhältnisses zum Nächsten. Besonders 
bei Frauen hört man wohl die leidige Redeweise: der ist mir nicht sympathisch. 
Fragt man nach dem Grunde, so heißt es: das ist ja ein abscheulicher Mensch! 
Also keine Begründung, sondern nur eine Verschärfung des Urteils, die über die 
anfängliche Stimmung des bloß „Unsympathischen" bedenklich hinausgeht. Im 
besten Falle beruft man sich auf einige Äußerlichkeiten. Wird aber jenes Wider 
streben überwunden, tritt man dem Fremden näher, gelingt es dann, Züge zu 
entdecken, die in der einen oder anderen Beziehung unsere Teilnahme, unsere 
Achtung wecken, so ist damit die Grundlage für ein rechtes Verhältnis zur 
fremden Persönlichkeit und zu einem fruchtbringenden Zusammenwirken mit ihr 
gegeben. Dieser Fall liegt vor, wenn wir bei einem Schriftsteller eine Welt 
anschauung finden, die wir nicht anerkennen können. Der Fanatiker bleibt bei 
dieser Dissonanz stehen; er versteift sich in seinem Unrechttun und schadet am 
meisten sich selbst, indem er sich hochmütig isoliert. Er beschränkt sich und wird 
„beschränkt". Der Verständige wird mit seinem Urteil zurückhalten; er wird 
sorgsam prüfen und wohl bemerken, daß die fremde, mit der eigenen so gar nicht 
zusammenstimmende Weise von dem Boden eben dieser Persönlichkeit, dieser Lebens 
erfahrungen und Schicksale aus doch begreiflich und berechtigt ist. Das Tüchtige 
der fremden Persönlichkeit wird uns selbst bereichern; mit diesem Geschenk, das 
der Duldsame von dem andern empfängt, belohnt er sich selbst. 
Soll nun aber die Lektüre eine schrankenlose sein dürfen, 
soll die Frage nach dem Inhalt ganz gleichgültig sein und der Kunstwert allein 
den Maßstab für die Auswahl abgeben? Sollen wir etwa Dichtungen zulassen, 
deren Inhalt sittlich bedenklich ist? Das kann natürlich nicht sein. Man sucht 
dieser Schwierigkeit wohl dadurch aus dem Wege zu gehen, daß man sagt: Ein 
sittlich bedenkliches Buch ist überhaupt kein Kunstwerk. Dann wäre es schon 
aus diesem Grunde abzulehnen. Aber was ein Kunstwerk ist, hat die Fachkritik 
zu bestimmen, nicht wir, wenn wir uns natürlich auch unsere Ansicht in jedem 
Falle vorbehalten werden. Andererseits hört man aus Kunstkreisen die Meinung: 
Der Künstler ist der volle, der vollendete Mensch, in ihm spiegelt sich alles
	        

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