Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

Die Aufgabe der Inneren Mission in der literarischen Bewegung rc. 451 
wahre Denken und Empfinden, alles rechte Menschenwesen und -streben. Dabei 
läuft die Voraussetzung mit unter: Was recht menschlich ist, ist auch gut im 
sittlichen Sinne. Dann ist freilich alles erlaubt. Lassen wir den Künstlern 
lieber ihr Gebiet als ein eigenes, mögen sie über den Kunstwert entscheiden, aber 
behalten wir uns das Recht vor, den sittlichen Maßstab anzulegen. Der Künstler 
als solcher ist noch nicht der ganze Mensch, die künstlerische Betätigung ist nur 
eine unter den vielen menschlichen Tätigkeiten. Wer sich einer einzigen Tätigkeit 
ausschließlich hingibt, kommt leicht auf Abwege. Denken wir etwa daran, daß 
es Sache des Lyrikers ist, das Gefühlsleben widerzuspiegeln. Man verlangt von 
ihm eine besonders feine Empfänglichkeit für Gefühlsregungen; jedes Erleben löst 
in ihm stärkere Gefühlsschwingungen aus als bei andern. Mir ist es ganz 
unzweifelhaft, daß nur besonders begnadete Menschen sich dem hingeben können, 
ohne an der Gesundheit ihres vollen persönlichen Lebens zu leiden. Es sind nur 
die Allergrößten, die ihr volles Menschentum bei ihrer künstlerischen Tätigkeit 
gerettet haben. 
So ist auch der Ästhet nicht der ganze Mensch; der Kunstfreund unterliegt 
denselben Gefahren wie der Künstler. Es gehört eine kräftige Natur dazu, 
gerade bei der einseitigen Gemütskultur, wie sie die Beschäftigung mit der Kunst 
mit sich bringt, die volle sittliche Gesundheit zu bewahren. Daß mancher dabei 
zu Grunde geht, zeigen die Werke der Neuesten. Sie sind überzeugt, daß die 
Welt, in der sie leben, die eigentliche Welt sei, die Dirnen und Kellnerinnen, 
mit denen sie verkehren, sind ihnen Typen des Weibes. In dieser Hinsicht geben 
sie jeweilig Offenbarungen zum besten, die zum Lachen reizen oder einem die 
Haut schaudern machen. 
Daraus folgt, daß in der uneingeschränkten Beschäftigung mit der schönen 
Literatur Gefahren liegen, auch für den, der lediglich ästhetisch urteilen und 
genießen will. Wer also in der Lage ist, wählen zu können, der wird die 
Lektüre mancher Sachen einfach ablehnen, selbst auf die Gefahr hin, als Banause 
zu gelten. 
So liegt die Sache für einen Gebildeten. Der hat ja die Gabe, jede 
Auffassung zu beurteilen von einem dem eigenen oft entgegengesetzten 
Standpunkt, sie von hier aus anzuerkennen, wenn er sie für seine Person auch 
entschieden ablehnt. Jede philosophische Wunderlichkeit, jede religiöse und sittliche 
Ansicht, ja jede offenbare Torheit läßt sich verstehen, wenn man nur erst den 
richtigen Standpunkt dafür gefunden hat. Aber ist diese Fähigkeit nicht ein 
Danaergeschenk? Für unsere sittliche Selbsterhaltung wäre es besser, Unsinn zu 
nennen, was nach unserer Auffassung nun einmal Unsinn ist; es geht über diesem 
Rechnen mit allen möglichen Standpunkten die Unmittelbarkeit, die Naivetät des 
Denkens und Empfindens zu Grunde, so daß man über der Fähigkeit, jeden 
und jedes zu verstehen, sich selbst verliert. 
Welche Verwirrung muß erst in den Köpfen von Ungebildeten und Kindern 
entstehen, wenn ihnen ganz wahllos Lesestoff zugeführt wird. Ihr Auge ist noch 
nicht zwiespältig geworden. Daß ein Buch ästhetisch wertvoll und seiner sittlichen 
Tendenz nach schlecht sein kann, verstehen sie noch nicht. Solche Lektüre würde 
ihnen keine Bildung, sondern Verbildung bringen. Eine große Verantwortung 
haben demnach alle die, denen die Aufgabe zugefallen ist, andere mit geistiger 
Nahrung zu versorgen.
	        

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