Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc. 
Es ist tatsächlich außerordentlich schwierig, die rechte Mitte 
zu halten zwischen zu großer Ängstlichkeit und zu großer Sorg- 
losigkeit künstlerischen Erzeugnissen gegenüber. Es gilt ja auch 
hier das Wort: Wer nicht wider uns ist, der ist für uns. Unsere Christenleute 
müssen immer mehr lernen, Herz und Sinn zu öffnen für alles Schöne. 
Sollen wir uns der Lilien auf dem Felde freuen, dann gewiß doch auch des 
Schönen, das von Menschen hervorgebracht wird, auch wenn es sich dabei nicht 
um christliche Dinge handelt. Das heißt: rechte evangelische Freiheit üben. Eine 
schwere Aufgabe, die man um so sicherer und ruhiger löst. je fester man zu den 
göttlichen Dingen steht. Solche Freiheit ist nicht jedermanns Sache, sie zeigt 
eine Höhe, Reinheit und Einfalt des Geistes an, die nur von wenigen ganz zu 
erreichen ist. 
Vergeblich würde also jemand hier ein Rezept erwarten, eine zunftfeste 
Handwerksregel, die auch der Beschränkte leicht anwenden könnte. So einfach ist 
das Leben nicht, es stellt uns auf Schritt und Tritt vor neue Probleme. Hier 
würde es nichts nutzen, sich einige leicht behaltbare und anwendbare Grundsätze 
einzuprägen, noch auch würde es ausreichen, sich mit einer tüchtigen christlichen 
Gesinnung zu waffnen, hier gilt es, das Urteil schärfen und das Herz zur rechten 
Liebe aller Geschöpfe und Werke Gottes — und dahin gehören auch die „un 
sympathischen" — zu erwärmen. — Am feinsten bezeichnet Herbart die Sache; 
er fordert von dem rechten Erzähler für Kinder den „leisen, selbst noch halb 
schlummernden Takt". Nichts Besseres kann man auch dem wünschen, der für 
Kinder Lesestoff auszuwählen und zu beschaffen hat. Nichts Besseres, aber auch 
nichts Schwereres. Denn Takt läßt sich nicht erwerben, den muß man haben; 
allerdings muß man ihn ausbilden. Der Taktvolle erschrickt nicht vor sogenannten 
Nuditäten, er prüft sie auf ihre Ehrlichkeit, er fühlt aber das Lüsterne durch 
tausenderlei Verkleidungen durch. 
Fassen wir die Gründe, die uns zur Pflege des literarisch Schönen ver 
anlassen, zusammen, so ergibt sich, 
1. daß die Beschäftigung mit guten Büchern allerlei Torheiten und Unrecht 
tun verhütet (das ist die negative Seite — Prophylaxis); 
2. daß gute Bücher mit christlicher Tendenz ein geeignetes Erziehungs 
mittel sind, indem sie Christenlehre und -leben zu lebendiger An 
schauung bringen; 
3. daß die Beschäftigung mit dem Schönen eine sittlich erziehende Wirkung 
hat, indem dadurch die Herrschaft über die sinnlichen Begierden befördert 
und so der sittlichen Freiheit Raum geschaffen, indem Interesse und 
Streben auf höhere Ziele gelenkt wird. 
Fragen wir nun nach der Pflege des literarischen Interesses, 
so ist das Wichtigste darüber schon gesagt. Hier nur einige Bemerkungen, die 
sich auf die besondere Lage der Innern Mission beziehen. Es sind ihr nämlich 
mannigfache Schranken gesetzt. Zumeist hat sie es mit Leuten von geringer 
Bildung zu tun, mit Leuten der verschiedensten Lebensstellungen, mit Heran 
wachsenden und Erwachsenen. Sie muß solchen dienen, die sich eben erst erheben 
aus dem Zustande geistiger und sittlicher Verkommenheit, und solchen, die in 
christlichem Wesen gefördert und gefestigt sind. Da ist also eine große Mannig 
faltigkeit der Bedürfnisse vorhanden. Es soll, wie schon hervorgehoben 
wurde, nach Möglichkeit nur literarisch Wertvolles geboten werden. Diese Haupt-
	        

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