Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
Man könnte meinen, vorstehende Frage sei doch in einem Verein ev. Lehrer 
und Schulfreunde nicht am Platz. Wem im Sinne der lutherischen Er 
klärung Jesus Christus der Herr ist, wer in ihm seines Lebens Heil und 
Seligkeit gefunden hat und darum nicht lasten kann von ihm, der muß auch 
in der Schule von ihm zeugen. Ist Christus unser einziger Trost im Leben 
und im Sterben, ist außer ihm kein Heil und kein andrer Name den Menschen 
gegeben, darin sie könnten selig werden, so ist es auch eine Pflicht der Nächsten 
liebe. Jesum zu verkündigen, von dem Heil in ihm zu zeugen allen, die unsere 
frohe Botschaft hören und verstehen können. 
Und dennoch gilt die Frage auch uns, muß sogar als eine brennende auch 
von uns empfunden werden. In Athen durfte kein Bürger in einer allgemein 
wichtigen Frage parteilos bleiben. In unsern Tagen macht sich die Frage 
nach Wesen und Bedeutung der Religion vor andern kräftig geltend in Stadt 
und Land, in Predigten und Zeitungen und auch in der entlegenen Dorfschule. 
Was in Berlin, Bremen und andern großen Orten geschieht, das wird bald 
im ganzen Lande zu einer Frage, zu der man Stellung nehmen muß. Wie 
in politischen, wirtschaftlichen und andern Kulturfragen die Menschheit als ein 
großer Organismus sich fühlt, in dem jedes Glied mit empfindet, was ein 
anderes erlebt, so erweist sich auch das Schulwesen, zunächst wenigstens das 
eines Landes, als ein solcher Organismus, an dem kein Glied unberührt bleibt 
von dem, was in einem andern sich ereignet. 
Nach dem, was uns unsre christliche Religion ist, könnte man erwarten, 
die religiöse Frage sei höchst einfach, sie laufe auf die Frage hinaus: hast du 
dich von dem auch dich suchenden Heilande finden lassen oder nicht? Bei vielen 
unter einfacher, christlicher Umgebung aufgewachsenen Menschen gestaltet sie sich 
auch so. Im allgemeinen aber kann man sagen, daß über kein menschliches 
Anliegen die Ansichten verschiedener sind, wie die über Religion. Wenn auch 
der christlichen Religion eine im wesentlichen eindeutige Gottestat, ein fort 
gehendes göttliches Tun zu Grunde liegt, so macht sich doch in dem aus dem 
religiösen Bedürfnis des Menschen herausgewachsenen, durch Zeit, Volk, In 
dividualität rc. mannigfach bestimmten Verhalten und Tun der Einzelnen der 
göttlichen Heilstat gegenüber eine Verschiedenheit geltend, die um so größer wird, 
je umfassender und tiefer das religiöse Bedürfnis ist. Dazu ist die christliche 
nicht die einzige Religion. Wie wir christl. Mission treiben, so scheut man sich 
in unseren Tagen nicht, diese und jene der fremden Religionen uns als der 
christlichen gleichwertig, ja besser zu empfehlen. Die natürliche Religion hatte 
nicht nur großen Anteil an unserm ersten religiösen Leben, sie erweist sich auch 
für den Fortgang bedeutsam, und so verdient sie gewiß besondere Beachtung. 
Werfen wir wenigstens einen Blick auf das so verschiedene Verhalten der 
Menschen dem göttlichen Rufe gegenüber. Von den Menschen zur Zeit der
	        

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