Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

Die religiöse Unterweisung in der Volksschule. 483 
Sündflut wird errählt, daß sie sich nicht vom Geiste Gottes wollten straft ! 
lassen. Jesus erklärt dies Verhalten mit den Worten: Sie aßen, tranken, 
freieten und ließen sich freien, wie ähnlich das Leben des reichen Mannes darin 
aufging, sich prächtig zu kleiden und herrlich und in Freuden zu leben. Die 
Pharisäer suchten die Ehrung der Menschen, die Ehre vor Gott suchten sie nichts 
das ließ sie nicht zu rechtem Glauben kommen. So fleißig sie auch in der Schrift 
forschten, darin das ewige Leben zu finden, so erkannten sie doch den nicht, 
von dem die Schrift zeuget. Der Kämmerer aus dem Mohrcnlande sucht vergeblich 
in Jerusalem, was er daheim nicht hat finden können, er sucht es in dem ihm 
verschlossenen Buch der Propheten, und findet hochbeglückt bei dem ihm in den 
Weg tretenden Almosenpfleger, was er nicht gekannt und doch so ernstlich gesucht 
hat. Die Weisen aus dem Morgenlande sehen den Stern des auch von ihnen 
ersehnten Königs, folgen den Spuren seines Lichts und stoßen sich nicht an dem 
armen Kindlein in der Krippe. Wie der Lydia in Philippi, so tat der Herr 
auch der Ruth im Moabiterlande das Herz auf, daß sie in der armen, der 
Teuerung im Vaterlande entflohenen Familie finden konnte den Schatz, von dem 
zu lasten ihr unmöglich war. Die Zwölfe standen alle in der besondern Schule 
des Herrn; wie verschieden ist der Abschluß bei Petrus, Johannes, Judas? 
Auf dem Karmel klang dem Elias das tausend- und doch einstimmige Be 
kenntnis wie ein Beweis der Heimkehr seines Volkes im Dhr und Herz, und 
wenige Jahre später klagt er lebensmüde und an seinem Volk verzweifelnd: 
Ich habe um den Herrn geeifert und bin allein übriggeblieben. So nimm nun 
meine Seele! Zn seinem Troste weist ihn der Herr auf die ihm unbekannten 
Stillen im Lande, auf die siebentausend, die ihre Knie nicht gebeugt haben 
vor Baal. 
Es ist leicht, zu diesen Bildern Pendants in der Gegenwart zu finden und 
die Sammlung zu ergänzen. Die Christenheit ist zerspalten in Griechisch- und 
Römischkatholische und Protestanten, die Protestanten teilen sich in Lutherische, in 
Reformierte und Unierte, daneben in eine unendliche Zahl von Sekten und 
Gemeinschaften. Wir wissen, wie die großen Gemeinschaften, die verschiedenen 
Kirchen geschichtlich erwachsen sind. Unser Gott liebt es. das Leben individuell 
sich gestalten zu lassen; und wie nicht zwei Bäume derselben Art, nicht zwei 
Blätter desselben Baumes genau gleichförmig sich gestalten, so lassen wir 
Protestanten uns um unserer Zerrissenheit willen von den scheinbar einheitlichen 
Katholiken nicht tadeln und schmähen, ist sie doch ein Zeichen des Lebens, besser 
als scheinbare Einheitlichkeit, die nur durch Unterdrückung des Individuellen sich 
behaupten kann. 
Wie ein Lebenszeichen, so ist die Spaltung innerhalb der Christenheit aller 
dings auch eine ernste Mahnung, uns zu besinnen, wie weit unsre menschliche 
Beschränktheit, unsre Sünde, namentlich Selbstsucht und Torheit bis in unser 
35*
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.