Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

484 
I. Abteilung. Abhandlungen. 
Bestes und Heiligstes hineinspielen. Ist es nicht eine ernste Mahnung, daß 
die guten Katholiken und Protestanten, die besten Glieder der verschiedenen 
Sekten sich zu allen Zeiten gut verstanden, daß z. B. ein Goßner als katholischer 
Pfarrer auf seiner Rheinreise heute in einer katholischen, morgen in einer 
evangelischen Kirche predigte, daß der Münstersche Kreis am Anfang des vorigen 
Jahrhunderts Katholiken und Protestanten mit gleicher Liebe umfaßte, daß 
daneben die kampflustigen Glieder der verschiedenen Denominationen durchweg, 
wie schon die angewandten Kampfmittel zeigen, ethisch und religiös von recht 
bedenklichem Werte erscheinen? 
Es ist ein eigen Ding um die menschliche Gesellschaft, wie sie sich in 
größeren und kleineren Gemeinden und Gemeinschaften darstellt. Als Luther 
seine 95 Thesen an die Schloßkirche zu Wittenberg angeschlagen hatte, war es, 
als wären die Engel Botenläufer gewesen, sie durch Deutschland und über besten 
Grenzen hinaus zu verbreiten. Man rechnete wohl, 9/10 des deutschen 
Kirche an Haupt und Gliedern sich gesehnt; Männer wie Tauler, Wicleff, Huß. 
hatten den Weg des Heils richtig gesehen und betreten, die Brüder des ge 
meinsamen Lebens, Begharden und Beguinen, lateinische und deutsche Mystiker 
ihn zu wandeln gesucht und damit dem Lebenswerk Luthers vorgearbeitet. Nichts 
wesentlich Neues brachte die Lehre Luthers; es wird aber wohl wahr bleiben, 
daß keiner seiner Wegbereiter mit solch tiefer, auf eigener Erfahrung gegründeter 
Erkenntnis des Heils, mit einer solchen hingebenden Liebe zu seinem Volk auf 
den Plan trat wie er. So zündete sein Wort. Wie war's aber mit dem 
neuen Leben? Wohl konnte sich Luther Melanchthons, Ebers, Jonas, Bugen- 
hagens und mancher anderer Stützen und Träger seines Werkes, mancher der 
Wahrheit treu ergebenen Familien in Stadt und Land freuen; aber auch 
Karlstadl, die Wiedertäufer und aufständische Bauern holten ihr Feuer von 
seinem Altar. 
Als an der Tafel Friedrichs des Großen ein Gast die edle Natur des 
Menschen rühmte, fuhr ihn der König mit den Worten an: Er kennt sie nicht, 
die verfluchte Rasse. Der berühmte Gräfrather Schulmann, Dr. Mager, 
sagte wohl: Die Menschheit ist eine dumme Substanz. Und Herbart lehrt: 
Der Dumme kann nicht tugendhaft sein. Ein berühmter Grieche erschrak, als 
ihm die Menge jubelnd zustimmte, und seine weisen Volksgenossen haben ebenso 
wie Shakespeare die Menge ähnlich wie Mager laxiert. Wenn wir uns nun 
auch im Blick auf diese Dinge lieber an das Wort Johannis erinnern, wenn 
er von Jesu sagt: „Ihn jammerte des Volks," so bleibt doch so viel wahr, 
daß man sich wohl orientieren und besinnen muß, wenn man von Gesinnung. 
Stimmung, Bekenntnis einer Gemeinde sprechen will. Als Pastor Löhe vor 
50 Jahren auf der Höhe seines Wirkens in Neuendettelsau stand, hörte man
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.