Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

Die religiöse Unterweisung in der Volksschule. 485 
wohl, daß es in seiner Gemeinde keine Unbekehrten gebe. War dieses Urteil 
wohl richtig? In Wahrheit ist es doch so, daß auch in den besten Gemeinden 
ein kleiner Kreis es ist, der zu dem gerühmten Leben hindurchgedrungen, und 
daß die vielen andern, von ihrem Gewissen mehr oder weniger überführt, diesen 
Geförderten sich anschließen, ihnen folgen. Wie aber die Majorität jetzt willig 
dem Besten der Gemeinde sich anschließt, so kann sie bald auch ganz anders 
Gesinnten Heeresfolge leisten, wenn sich diese nur geschickt als Haupt und 
Führer einzuführen verstehen. Bei der Menge liegt das Kreuzige dem Hosianna 
nie fern. 
Prof. Rud. Sohm stellt am Schluß seiner vortrefflichen Kirchengeschichte 
im Grundriß die Frage: „Wem soll ich unsre Gesellschaft vergleichen?" Er 
antwortet: „Ich vergleiche sie dem Erdball, auf dem wir wohnen. Eine 
dünne Rinde um einen ungeheuren, feurig-flüssigen, vulkanisch gärenden, re 
volutionären Kern. Äußerlich alles Ordnung, Friede, Blühen und Gedeihen, 
aber ein Moment, und die elementaren, titanischen Kräfte der Unterwelt haben 
die ganze Herrlichkeit in Schutt und Asche verwandelt. Nur wenige sind es, 
welche die besitzende, regierende, genießende, am öffentlichen Leben Anteil 
nehmende Gesellschaft bilden; die Masse stellt den Lastträger, zugleich den über 
mächtigen Feind der Gesellschaft dar." 
„So ist es zu allen Zeiten gewesen. Die Gesellschaft pflegt sich in dem 
Wahn zu gefallen, daß sie das Volk sei und daß ihre Interessen mit bett 
Interessen des Volkes identisch seien, bis eine revolutionäre Erschütterung des 
Bodens, auf dem sie stand, ihr zeigt, daß sie nicht das Volk war, sondern nuv 
die dünne Rinde um den feurig gärenden Kern." 
Sohm erinnert daran, wie im Mittelalter Adel und Geistlichkeit die allein 
besitzenden und regierenden Klassen waren, wie dann an der deutschen Reform 
mation das Bürgertum sich selbständig beteiligte, wie durch den dreißigjährigen 
Krieg die geistige Führung von dem wirtschaftlich und geistig verarmten Deutsch 
land an England und Frankreich überging, wie hier die Philosophie der Auf 
klärung zu einer Macht wurde, die durch die Idee der Freiheit, Gleichheit und 
Brüderlichkeit die französische Revolution herbeiführte und Gemeingut des ge 
bildeten Europas wurde. Der dritte Stand, der Adel und Geistlichkeit unter 
schiedslos in sich aufnahm, bildete die Gesellschaft; doch auch er ist nur die 
dünne Rinde. Die beiden ersten Stände hatten ihre alt ererbten Privilegien 
verloren, weil sie selbst von der Idee erfüllt waren, die ihre Machtstellung ver 
nichtete. Wird der dritte Stand sich gegen den vierten, der sich seiner Macht 
bewußt geworden, besser verteidigen können? 
Sohm sagt mit Recht: „Eins ist gewiß: daß nämlich die Entscheidung 
nicht durch die Bajonette und nicht durch äußere Machtmittel, sondern allein 
durch die Stellung gegeben wird, welche wir, welche unsere Gesellschaft zu der
	        

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