Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
großen Geistesströmung, zu den Ideen einnehmen, deren Geschichte die Ge 
schichte unsers Jahrhunderts sein wird." 
Welches ist diese Idee? 
Die Entdeckung des 19. Jahrhunderts ist die Materie. Die Materie ist 
Gott; sie ist die Schöpferin des wunderbaren Himmels mit seinen Sternen- 
welten wie des Menschen mit seinen unergründlichen Kräften und Geheimnissen. 
Sie ist die Führerin unsers Gebens; die absolut dumme, erbarmungslose, in das 
eiserne Gesetz der Notwendigkeit geschmiedete Materie bestimmt über Glück und 
Elend, Leben und Tod. Das Leben ist nur ein Spiel der Atome, was wir 
Geist nennen ein Phosphoreszieren des Stoffes. 
Die Moral dieser Weltanschauung lautet: „Der Kampf um das Dasein 
ist das Weltgesetz und zugleich das Entwicklungsgesetz." Nur der Starke hat 
Existenzberechtigung; nicht deinem Nächsten zu dienen, bist du da, sondern ihn 
zu erdrücken. Macht ist Recht, darum strebe nach ihr. Gott, Geist und 
ewiges Leben gibt es nicht, und darum auch keine Religion, keine Sittlichkeit, 
kein Recht. „Wie kann die Materie sittlich sein? Wie können den Atomen 
verbindliche Rechtsgesetze gegeben werden? Der Egoismus, welcher in dem 
Kampf um das Dasein jedem Einzelnen die Kraft gibt, ist das allein berechtigte 
Prinzip und die irdische Glückseligkeit das einzige Ziel des Menschen." 
Solche Lehre kann wohl populär werden. packt sie doch mächtige Instinkte 
der Volksmassen; und so ist es nicht zu verwundern, daß es im Refrain der 
Arbeitermarseillaise heißt: „Wir wollen aus Erden glücklich sein und wollen 
nicht mehr darben." 
Wie die rationalistischen Ideen des 18. Jahrhunderts, so sind auch die 
materialistischen des 19. von oben her nach unten durchgesickert, und so liefert 
auch jetzt wieder die Gesellschaft die Waffen, mit denen sie bekämpft wird. Wie 
in der rationalistischen, so sind auch in der materialistschen Idee Wahrheits- 
niomente, die es begreiflich machen, daß z. B. die Entwicklungslehre nicht auf 
die Betrachtung der Natur beschränkt blieb, sondern auch in andern Wissen 
schaften, so in Geschichte und Theologie Anwendung fand. 
Sohm fragt: Sind mir noch Christen? Daß diese Frage eine berechtigte 
ist, kann niemand fraglich sein, der offnen Auges das Leben betrachtet. Vom 
biblischen Christentum an bis zum ödesten Materialismus hin sind alle Zwischen 
stufen vertreten. Leistet in manchen Gemeinden die Menge den christlich 
Gesinnten noch willig Heeresfolge, so folgt sie in noch zahlreicheren andern der 
modischen, mit der hergebrachten Konfession zerfallenen Weltanschauung. In 
offener Fehde wirbt diese um Mehrung ihrer Anhänger, und kein Kreis unsers 
Volkes bleibt unberührt von der großen Bewegung. Wie die Pfarrer, so sind 
auch unsere Kollegen in sie hineingezogen. Die Worte Bildung, Wissenschaft.
	        

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