Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

Zum neuen Jahre. 
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wohl hören: „Warum solch ein Artikel? Das kann man ja bei Ledderhose 
alles lesen. Praxis, Praxis brauchen wir!" Andere freuten sich des dankens 
werten Hinweises und ließen sich Ledderhoses Flattich kommen, um so noch mehr 
von dem pädagogischen Original zu erfahren und für sich und ihre Praxis von 
ihm zu lernen. 
In jahrzehntelanger Arbeit hat Dörpfeld die Mission seines Schulblattes 
immer bestimmter herausgearbeitet. Daß dies eine Mission ist, die es verdient, 
daß man sie fest im Auge behalte und ihr mit Hingebung weiter diene, möchte 
ich an zwei Beispielen zeigen. 
In Nr. 34 der „Reformation" vom 21. Aug. v. I. steht ein trefflicher Artikel: 
„Die Lehrerschaft und die Simultanschule". In demselben findet sich folgende Stelle: 
„Wir sollen die Vollbibel benutzen, und doch beweisen die bisherigen Erfahrungen 
zur Genüge, wie weit man damit kommt. Wir möchten gern zusammenhängende 
Stücke aus der Bibel lesen; aber woher die Zeit nehmen, wenn man das Dog 
matische in den Vordergrund stellt und die Bibel höchstens würdigt, für die 
menschlichen Fündlein „Belegstellen" zu liefern. Man sehe sich ferner die Kirchen 
lieder an. Wie viele derselben sind für Kinder oder wenigstens in volkstümlicher 
Weise gedichtet? Was Luther seinen Kindern gesungen hat: „Vom Himmel 
hoch, da komm ich her", wollen wir gern die Kinder lehren. Aber man ver 
schone uns doch mit Liederstrophen, zu deren Erklärung ganze Stunden not 
wendig sind. Eins der gebräuchlichsten Lieder für das erste Schuljahr ist die 
Strophe: „Ach bleib mit deiner Gnade". Nun vergegenwärtige man sich den 
Inhalt und frage sich dann, was unsere sechsjährigen Kinder damit anfangen 
sollen. Sie werden systematisch zum Wortemachen (Maulbrauchen würde Luther 
sagen) erzogen. Fürs erste Schuljahr sind hier zwölf biblische Geschichten vor 
geschrieben. Sechs bis acht Wochen bringt man zu mit der Geschichte von der 
Schöpfung, das sind bei täglich halbstündigem Unterricht achtzehn bis vierund 
zwanzig volle Unterrichtsstunden! Muß da den Kindern, die mit so lebhaftem 
ursprünglichen Interesse für „Geschichten" in die Schule eintreten, nicht jedes 
lebendige Interesse ausgetrieben und von vornherein die Meinung beigebracht 
werden, im Religionsunterricht komme es lediglich aufs Stillsitzen an?" 
Wer dies liest, der fragt sich billig: Wie ist so etwas, wie das hier Be 
klagte, möglich im Jahre 1904? Ist nicht seit hundert und mehr Jahren über 
den Stand der religiösen Unterweisung geklagt? Ist nicht immer wieder Hand 
angelegt worden zur Pflege und Besserung gerade dieses Unterrichtsgegenstandes, 
den man vor allen hochschätzt? 
Freilich, aber vorwiegend mar es Flickwerk, bald hier, bald da; an den 
Grund des Übels legte man die Hand nicht, sah ihn kaum oder wollte ihn 
nicht sehen. Schon vor siebzig Jahren hat der Seminardirektor Zahn für die 
religiöse Jugendunterweisung ein Ideal aufgestellt, das, so gewiß es auf dieser
	        

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