Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

Die religiöse Unterweisung in der Volksschule. 50 L 
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meist nur zwei Religionsstunden wöchentlich. Als ich einem Kaufmann meine- 
Verwunderung darüber aussprach, sagte er: Religiöse Kenntnisse können sich 
unsere Kinder sonstwie schon hinreichend erwerben; in der Schule geht's uns 
darum, daß sie christlich gesinnte Lehrer haben. 
Genauer besehen, ergibt sich leicht, daß unsere Frage nur deshalb eine so- 
schwierige ist, weil uns die rechte Schulorganisation fehlt. Das Gemeindeleben 
besitzt eine ungezählte Menge erziehlicher Kräfte, die auch dem Lehrer zu gute 
kommen würden, wenn er sich nur recht in die Gemeinde hineingesetzt fühlte. 
Vor fast 50 Jahren besuchte ich einen mir besonders lieben Schüler auf seinem 
Sterbebett. Ich nahm herzlich teil an dem Leiden des Knaben, hatte aber nichts, 
was ihm auf seinem dunkeln Wege hätte Licht und Trost bieten können. Es 
ist mir unvergeßlich, wie tief mich diese Überführung von meiner Armut 
erschütterte und antrieb zum Besinnen und Suchen. — Es ist ja auch Sache 
der Gemeinde, sich die für sie passenden Lehrer zu wählen. — 
Wie die Geschichte der Pädagogik bei den Alten lehrt, hat es eine Lehre 
der Pädagogik überhaupt erst gegeben, als die von Gott gesetzten Erzieher ihren 
Beruf so unvollkommen ausführten, daß das Heranwachsende Geschlecht darüber 
verkam. Statt nun die von Gott verordneten Erzieher zur Erkenntnis und 
treuen Erfüllung ihrer Pflicht zurück zu führen, hat man eine künstliche und 
darum nie ausreichende Erziehung gesucht. Der Fluch der modernen Erziehung 
ist es, daß sie die Haupterzieher, Familie und Gemeinde, geradezu mißachtet. 
An traurigsten Erfahrungen hat es nicht gefehlt. Leider hat sich auch hiev 
wieder das Wort Hegels bewahrheitet, daß die Geschichte nur lehre, daß man 
aus ihr nicht das Rechte gelernt habe. Statt zu dem Natürlichen, von Gott 
Gegebenen zurückzukehren, macht man die Kunst nur künstlicher. — 
Wir wissen, daß die Wahrheit nur in der Freiheit gedeiht, und so wollen 
mir keinen Wahrheitsuchenden auf seinem Wege stören und gern jedes ehrliche 
Streben anerkennen. Allgemeine Anerkennung und Verwertung in der öffent 
lichen Erziehung können aber nur die Resultate menschlichen Suchens und 
Forschens finden, die in ihrem Gebiete den Bedürfnissen des ganzen Menschen, 
von den alltäglichsten an bis zu den höchsten hin, ein volles Genüge zu tun 
geeignet sind. 
Die Vertreter der vielen neu hervortretenden Konfessionen können wir 
darum nur bitten, sich nicht mit der bloßen Negation begnügen zu wollen, 
sondern klar und bündig zu sagen, was sie als des Lebens Sinn und Ziel an 
erkannt wünschen. Dann wird man ja sehen, wohin sich der Stütze, Halt und 
Trost im Leben und im Sterben suchende Mensch zu wenden hat.
	        

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