Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

Wichtige Fragen zur Würdigung des Problems der Willensfreiheit. 507 
mit dieser'Behauptung, mit dieser Unterscheidung von Gesetzmäßigkeit 
und Notwendigkeit, stellt er sich allerdings in einen grundsätzlichen 
Gegensatz zum Determinismus. 
3. Müssen oder Sollen. 
Wenn Eucken sagt, der ganze Streit um die Willensfreiheit sei gegen 
standslos, sobald man den Menschen als bloßes Naturwesen ansehe, so sieht er 
das Problem überhaupt nur durch die Annahme uns aufgedrängt, daß wir noch 
etwas anderes als bloße Naturwesen sind, nämlich sittliche Wesen. Der Kampf 
um die Willensfreiheit ist nichts anders als der Kampf um die sittliche Selbstän 
digkeit des Menschen. Daß wir sittliche Wesen sind, bedeutet die Anerkennung 
eines Verpflichtetseins, eines Sollens. Und eben dies ist es, was uns aus dem 
bloßen naturhaften Dasein und damit aus dem geschlossenen System der Not 
wendigkeit heraushebt. „Unser Wollen mit der Überzeugung von 
einem Sollen, dem das Gegebene nicht entspricht, sträubt sich, 
diese unfehlbare Notwendigkeit anzuerkennen, und setzt dem 
Naturlauf seine Ideale entgegen, die erst durch das freie Tun 
verwirklicht werden sollen; weder die Idee des Guten noch die 
des Wahren läßt sich als eine sich selb st realisierende, den 
Naturlauf wider st andslos beherrschende Naturmacht aufzeigen, 
denn der wirkliche Verlauf bringt den Irrtu in wie das Böse 
hervor, und doch haben, als Zweck unseres Wollens gedacht, 
sene Ideen unbedingte Geltung, können aber nur dadurch, daß 
wir sie wollend als Zweck setzen, reale Kausalität erlangen. 
Die Entstehung dieser Ideen und ihre Bejahung durch den 
Willen ist für die bloß Naturgesetze suchende Wissenschaft das 
uie zu lösende Rätsel" (Sigwart). Dieser Satz trifft meines Erachtens 
den Kern des Problems. Wenn unser Denken auch noch so sehr nach Ge- 
schloffenheit und Folgerichtigkeit verlangt und daher sich von der logischen Präzision 
-es Determinismus stets am meisten befriedigt fühlen wird, wenn die „reine 
Vernunft" dieser deterministischen Lösung unsers Welträtsels auch noch so ge 
wiß zu sein glaubt, so wird die „praktische Vernunft" doch immer wieder 
ihre Stimme gegen die Einseitigkeit dieser Lösung erheben und die Postulate des 
sittlichen Bewußtseins ihr gegenüber geltend machen. 
Diese Entgegenstellung des sittlichen Wesens des Menschen gegen die bloße 
Naturhaftigkeit aller übrigen Geschöpfe war schon von Schiller so fest betont 
und so ausdrücklich formuliert in jenem Satze, den ich gelegentlich der Schiller 
seier im Maiheft d. I. beleuchtete: „Alle andern Dinge müssen, der 
Mensch ist das Wesen, welches will." In diesem aktiven Wollen-können 
gegenüber dem passiven Müssen liegt seine Freiheit, seine Menschenwürde. Dies 
selbständige Wollen wird hervorgerufen durch das die sittliche Entwicklung der 
Menschheit beherrschende Sollen. Wir dürfen daraus nicht so kurzweg folgern, 
weil das Sollen mit seiner verpflichtenden Gewalt vor uns dasteht und darin 
und Willensfreiheit). „Der freie Wille ist etwas Unendliches, das zwar nicht kausallos 
ist, aber doch anderer kausaler Gesetzmäßigkeit unterliegt als das Endliche" (Köhler, 
Einführung in die Rechtswissenschaft). — Diese und mehrere andere Zitate nach v. 
Roh land, Die Willensfreiheit und ihre Gegner.
	        

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