Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

Wichtige Fragen zur Würdigung des Problems der Willensfreiheit. 509 
bedeutet vielmehr das schon in den Willen dauernd aufgenommene Sollen, das 
nicht mehr über dem Leben schwebende, sondern das in der stetigen Verwirk 
lichung begriffene sittliche Ideal, das nicht einem äußeren Zwange, sondern einem 
inneren Drange entspricht. 
Immerhin tritt mit diesem heiligen Müssen die Kategorie der Notwendig 
keit, die wir vorhin aus dem sittlichen Leben ausschließen wollten, wieder in 
dieses hinein. Die Freiheit des bejahten Sollend wird auf dieser Stufe des an 
das Gute gebundenen Müssens, Nichtanderskönnens wieder aufgehoben. Das 
vollkommene sittliche Leben kann nicht mehr zwischen gut und böse wählen, es 
kann nur das Gute wollen. Jesu gesamtes inneres Leben haftete so sehr an 
Gott, war so ganz in Gott gebunden, daß er sprach: „Der Sohn kann nichts 
von sich selber tun, denn was er siehet den Vater tun." Er hat Gottes Willen 
völlig in den seinen aufgenommen; seine Taten sind nun „notwendig wie des Baumes 
Frucht." „Ein guter Baum kann nicht arge Früchte bringen." Sein Leben ist 
ein selbständiges, selbstgewolltes Leben, aber in göttlicher Bestimmtheit. Seine 
Selbständigkeit und Freiheit besteht darin, sich immer neu und freudig für Gottes 
Willen zu bestimmen, in der unbedingten Abhängigkeit von Gott sich auszuleben. 
Damit enfernten wir uns also wieder von den Grenzpfählen des Indeter 
minismus und ständen in der Region des religiösen Determinismus. 
Es springt aber in die Augen, ein wie ganz anderes Gesicht bei diesem religi 
ösen Determinismus die Frage von Freiheit und Notwendigkeit gewinnt, als bei 
jener naturhaften Bestimmtheit eines zwingenden Kausalzusammenhanges. Wer 
sich in der schlechthinigen Abhängigkeit von dem lebendigen und heiligen Gott 
weiß, der sieht sich eben damit der „Ungereimtheit eines überall blinden und not 
wendigen Wirbels von Ereignissen" entrückt, die Lotze an dem Determinismus 
so scharf perhorresziert. Es ist dann keine blinde Naturmacht mehr, die unser 
Lebensschicksal in den seelenlosen Händen hat, sondern wir unterstünden dann mit 
samt der übrigen Natur, „samt allen Kreaturen", der Führung einer sehenden, 
weisen, das All nach sittlichen Zwecken und zu einem bestimmten Ziele leitenden 
Gottheit. Die sittlichen Wesen, von Gott und zu Gott geschaffen, würden erst 
dadurch ihr innerstes Sein durchsetzen und ihre vollendetsten Lebensmöglichkeitcn 
erleben, wenn sie wirklich ,,in Ihm leben, weben und sind." Erst in der schlecht 
hinigen und zwar aktiven Abhängigkeit von Gott würden sie ihrer eigentlichen 
Freiheit froh werden. 
Demgegenüber bezeichnet die gewöhnlich sogenannte Willensfreiheit, 
nämlich die Wahlfreiheit des Auchanderskönnens, des Wählens zwischen gut und 
böse lediglich den Zustand der Spannung zwischen menschlichen, und 
göttlichem Willen. Ob dieser Spannungszustand als eine besondere Fähig 
keit und sittliche Ausrüstung dem von Gott stammenden Menschen verliehen ist 
und verliehen werden mußte, ob es nur durch dieses gegensätzliche Auseinander- 
treten von menschlichem und göttlichem Willen zur Vollkommenheit der Willens 
einheit hindurch gehen konnte, oder ob etwa der an sich chaotisch-unsittliche und 
gottfremde Zustand des Menschengeistes nach und nach von dem sittlichen, ihm 
von oben vorgestellten und eingepflanzten Ideale ergriffen und beeinflußt, ob diese 
sittlich leblose Masse im Lauf der sittlichen Entwickelung allmählich von göttlichen 
Kräften durchsäuert und in einen dem Guten zustrebenden Zustand umgewandelt 
wurde und wird, — diese Fragen führen in theologische Spekulationen hinein, 
denen wir an dieser Stelle unmöglich näher nachgehen können. Gewiß aber
	        

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