Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

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Die Schulverfassungsanschauungen Dörpfelds. 513 
der fortgesetzten Beschäftigung mit ihnen und der immer vielseitigeren Betrachtungs 
weise zu größerer Klarheit und immer schärferer Ausprägung gelangen. Und 
beispielsweise ist von der „Leidensgeschichte" doch von Freund und Feind gleicher 
weise anerkannt worden, daß in keinem der vielen Abwehrartikel, die aus Anlaß 
der bekannten Aschermittwochsrede erschienen sind, das Puttkamersche Schulver- 
fasiungsideal, die bureaukratisch-hierarchische Bormundschaftsschulverwaltung, mit 
einer solch vernichtenden Klarheit und Schärfe verurteilt worden ist, als gerade 
in ihr. — Und wie ließe sich damit die Tatsache in Einklang bringen, daß sich 
auch „Der Deutsche Lehrerverein" in erheblichem Maße an' der so einzigartigen 
Ehrung Dörpfelds beteiligt hat, die in der vor zwei Jahren erfolgten Setzung 
eines öffentlichen Dörpfeld Denkmals ihren Ausdruck fand? Die darin ausge 
sprochene Anerkennung seines Wirkens wird sich doch aller Wahrscheinlichkeit nach 
auch auf seine Arbeiten zur Schulverfassung erstrecken sollen, denn die Tätigkeit 
des Deutschen Lehrervereins zielt doch in erster Linie aus eine gerechte und 
gesunde Regelung der äußeren Berhältn sie der Schule und des Lehrerstandes, 
also auf dieselbe Sache, um die eben auch Dörpfeld in diesen Schriften gekämpft 
hat. — Sofern aber der Bearbeiter aus irgend einem Grunde nur eine 
Schrift von Dörpfeld glaubte anmerken zu dürfen, so hätte es doch sicherlich 
im Jntereffe der Sache am nächsten gelegen, seine letzte Schrift namhaft zu 
nmchen, die reifste und gedankenreichste Frucht seines Sinnens über die Gestaltung 
einer allseitig gerechten, gesunden, freien und friedlichen Schulverfasiung, sein 
Fundamentstück, in dem zugleich auch die Simultanschulfrage am umfassendsten 
erörtert worden ist. Doch nein, von dieser reichen Fülle sehr gewichtigen 
Materials, das allerdings, soweit es die pädagogische Seite dieser Frage behandelt, 
recht kräftig gegen die Simultanschulfrage zeugt, erfahren die Leser rein gar nichts, 
sondern nur auf 2 Seiten, die noch dazu im Vergleiche mit den anderweitig 
vorgebrachten Gedanken geradezu nichtssagend sind, werden sie mit Dörpfelds 
Stellung zur Simultanschulsrage bekannt gemacht. — Doch noch ein anderes 
Unrecht wird Dörpfeld dadurch zugefügt, daß gerade nur die freie Schulgemeinde 
verzeichnet worden ist. Keine einzige seiner anderen Schriften ist nämlich in 
gleichem Grade geeignet, eine einseitige, unzulängliche und ihm nicht gerecht wer 
dende Auffassung von Dörpfelds Stellungnahme zur Schulverfasiungsfrage herbei 
zuführen und dadurch die Mitglieder des Deutschen Lehrervereins gegen ihn ein 
zunehmen, wie gerade die freie Schulgemeinde. Denn, wollte diese sich nicht gleich 
von vornherein aller Aussicht auf Erfolg begeben, so mußte auf die hochkirchliche 
Richtung und das konservative Regiment der 60er Jahre Rücksicht genommen, 
den Zeitverhältnissen manches unliebsame Zugeständnis gemacht und mancher 
längst gehegte Wunsch für eine günstigere Zeit zurückgestellt werden; sie ist eben 
im Zeug und Zuschnitt der damaligen Zeit angepaßt, was indes nicht immer 
beachtet wird. Dazu behandelt sie nur einen seiner 3 hauptsächlichsten Reform 
gedanken. Wer daher den ganzen Umfang seiner Reformgedanken kennen lernen 
will, der muß notwendigerweise auch noch seine drei Grundgebrechen und seine 
Leidensgeschichte lesen oder an Stelle dieser 3 Schriften sein Fundamentstück, das 
seine sämtlichen Resormg-danken noch einmal von einem anderen Gesichtspunkte 
aus zur Behandlung bringt. Er selbst äußert sich darüber in einem Briefe an 
Professor Bogt in Wien folgendermaßen: „Die schulregimentlichen Reformen, 
welche ich zur Sprache bringen wollte, sind dreifacher Art. Der erste Reform 
gedanke (freie Schulgemeinde) liegt auf dem staatsrechtlichen Gebiete. Hier 
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