Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
unvollkommenen Erde nie erreicht werden wird, doch immer als leuchtendes Vor 
bild auch bei den bescheidensten Versuchen zum Vorwärtskommen im Auge be 
halten werden muß. Zahn hatte den Glaubensmut, die jedem Verständigen klar 
vorliegende Wahrheit, daß die Frage der religiösen Jugenderziehung nur gelöst 
werden kann, wenn Kirche, Schule, Haus und Gemeinde gemeinsam in rechter 
Weise hierzu Hand anlegen, bestimmt auszusprechen und auf Grund dieser Wahr 
heit seine Vorschläge zu machen. 
So forderte er, daß an jedem Tage im Hause vor versammelter Haus 
gemeinde wenigstens ein geschichtlicher Bibelabschnitt gelesen werde. (Bibellesen, 
nicht Hausandacht forderte er. Letztere ist etwas ungleich Höheres, das sich 
nicht fordern läßt, bei dem man sich freuen kann, wenn es aus dem gemein 
samen Bibellesen erwächst.) Passende Stoffe für dieses Bibellesen hat Zahn in 
seinem Bibelkalender zusammengestellt. Dieser häusliche Lesestoff ist so bestimmt, 
daß die in der Schule zu behandelnden Geschichten ihm angehören, so daß also 
von Schule und Haus nicht nur in demselben Geist, sondern auch durch dieselben 
Stoffe religiös auf das Kind eingewirkt werde. Weiter hätte der Pfarrer nach 
Zahns Plan aus dem häuslichen Wochenlesestoffe seinen Predigttext zu entnehmen 
und bei seinen Hausbesuchen in der Besprechung mit seinen Gemeindegliedern an 
denselben anzuknüpfen. Wie Zahn sich diesen Plan genauer ausgeführt denkt, 
und wie er die verschiedenen Zweige des Schul-Religionsunterrichts um die 
heilige Geschichte zu gruppieren und das Ganze einheitlich zu gestalten rät, kann 
ich hier nicht näher ausführen?) 
Dörpfeld sagte von dem Zahnschen Gedanken in den sechziger Jahren: 
„Sobald man eingesehen haben wird, daß beim Religionsunterricht die erbauliche 
Einwirkung auf das Gemüt in erster, das Einlernen des Stoffes dagegen erst 
in zweiter Linie steht, dann wird auch für einen Vorschlag Zahns, der bis jetzt 
wenig diskutiert worden ist, die Zeit der rechten Beachtung gekommen sein, für 
den weitreichenden Vorschlag nämlich, daß die Hausandacht, der biblische Schul 
unterricht und die kirchliche Predigt von Woche zu Woche Schritt halten, d. h. 
innerhalb desselben Geschichtskreises sich bewegen müssen. Erst dann, wenn diese 
Forderung erfüllt ist, dürfen wir mit Grund hoffen, daß die biblische Geschichte 
in das christliche Volk und das christliche Volk in die biblische Geschichte sich ein 
leben wird, und zwar ohne daß diese zur Erbauung gegebene Geistesnahrung in 
den Jugendjahren zu einer Marterung des Gedächtnisses gemacht zu werden 
braucht. Solange dieser wahrhaft großartige Gedanke, dem insonderheit auch der 
Zahnsche Bibelkalender gewidmet ist, nur wie ein verhallendes Echo durch den 
deutschen Schul- und Kirchenwald zieht, so lange muß das Reden über ein Zu- 
Vor Ostern 1905 werden die Schriften Zahns, zirka 45 Bogen stark, in einer 
Neuausgabe bei C. Bertelsmann in Gütersloh erscheinen. Subskriptionspreis 6 M., 
geb. 7 M. Ich möchte auch schon an dieser Stelle auf die Arbeiten des originalen 
Schulmannes hinweisen.
	        

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