Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

Weihnachtskonfeeenz in Oberhausen. 
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phischen, kulturgeschichtlichen rc.), als auch mit innern Dingen (Psychologisches, 
Ethisches, Religiöses) zu tun. Beide bedürfen der Anschauung; doch soll hier 
nur gezeigt werden, wie die letzteren veranschaulicht werden müssen. 
Die sittlichen Wahrheiten treten im Religionsunterricht meistens in 
der Form von Geboten und Verboten aus, besonders im Dekalog. Sie müssen 
so vor das innere Auge gestellt werden, daß sie als solche erkannt und als Regel 
für unser eigenes Verhalten angenommen werden. Um das zu erreichen, genügt 
aber nicht, daß man das sittliche Gebot einfach darbietet. Das Verhalten unserer 
Schüler beweist tagtäglich, daß im Falle der Tat das Verständnis für die Be 
urteilung fehlt. Wenn man ihnen aber an den Beispielen der Heilsgeschichte das 
Verhalten der betreffenden Personen in ähnlicher Lage vor Augen stellt, werden 
sie mit größerer Bereitwilligkeit der richtigen Auffassung Gehör schenken. Dann 
ist der Zeitpunkt gekommen, für das eigene Tun eine Regel aufzustellen. So 
gewinnt man auf Grund der Anschauung Gesinnungen und Grundsätze für das 
sittliche Handeln. Das ist derselbe Weg, auf dem Gott sein Volk erzog. Der 
Gesetzgebung am Sinai ging erst ein grundlegender Anschauungsunterricht voraus. 
Und denselben Gang schlägt Jesus ein, wenn er zuerst in meisterhafter Weise in 
dem Samariter das Vorbild der Barmherzigkeit zeichnet und dann erst das 
Urteil veranlaßt. Zu warnen ist bei der Behandlung vor dem übertriebenen 
Gebrauch der beliebten Fragen: Was gefällt, was gefällt nicht? Sie führen, 
wenn sie ausschließlich angewendet werden, leicht zum Splitterrichten. Um das 
zu umgehen, erinnere man lieber die Kinder in passender Form an eigene ähn 
liche Verfehlungen. Das muß natürlich mit dem nötigen Takt und mit Ernst 
geschehen. Was als gut anerkannt ist, muß aber auch in die Praxis umgesetzt 
werden. Wie bringen wir aber den Willen in Bewegung? Wir müssen über 
das Verhalten unserer Kinder in der Schule, im Hause und auf der Straße 
beständig Kontrolle üben. Besondere Berücksichtigung verlangen die Kinder, die 
nach einer Seite erblich belastet und deshalb leicht verstimmt sind. Sie bedürfen, 
daß man sie mit größter Geduld berate und führe. Soll der Lehrer aber so 
seinen Kindern als Vater und bester Freund gegenüberstehen, so muß der Unter 
richt den Charakter der Familienhastigkeit an sich tragen. Vor allen Dingen 
aber muß die ganze sittliche Einsicht bestimmt werden durch die Stellung des 
Menschen zu Gott. 
Wie werden religiöse Wahrheiten veranschaulicht? Die objektiven 
Wahrheiten, die es mit Gottes Wesen und Eigenschaften zu tun haben, werden 
in der Natur, der Geschichte und dem Gewissen, vor allem aber in seinem Wort 
offenbart. Das Wort aber ist nichts weiter als die Deutung der Offenbarungs- 
tatsachen. Die subjektiven Wahrheiten haben es mit dem Menschen zu tun und 
handeln von der Aneignung des Heils. Die Schwierigkeit ihrer Veranschaulichung 
liegt in dem Subjekt. Der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Worte 
Gottes. Das ist im Religionsunterricht wohl zu beachten. Wenn sich auch 
religiöse Wahrheiten bis zu einem gewissen Grade veranschaulichen lassen, so wird 
die Vermittlung sehr schwer, wenn es sich um das Wichtigste, die persönliche 
Heilsaneignung handelt. Und doch ist sie nicht unmöglich, weil auch im ver 
kommensten Menschen Anknüpfungspunkte vorhanden sind. In welcher Form 
sollen nun die religiösen Wahrheiten veranschaulicht werden? Da sich Gott durch 
Tatsachen offenbart hah so sollen wir diese Tatsachen einfach berichten, vor allem 
die große Heilstatsache, daß Gott ins Fleisch gekommen ist zu unserer Erlösung.
	        

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