Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

Zum neuen Jahre. 
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folgt, der gewahrt leicht, daß man Dörpfelds lehrreiche Erfahrung noch immer 
nicht genutzt hat. Ist unsere heutige Schule wirklich eine konfessionelle? Läßt 
sich eine solche denken ohne Voraussetzung einer sie tragenden organisierten lebens 
kräftigen konfessionellen Erziehungs- (Schul-) Gemeinde? Ist die Frage nach der 
Konfession der Volksschule eine Schul- oder Gemeindefrage und wo ist sie zum 
Austrag zu bringen, auf dem Boden der Schule oder dem der Gemeinde? Sind 
die geistliche Schulaufsicht, der Vorsitz des Pfarrers im Schulvorstand wirklich 
geeignete Mittel, die rechte Verbindung zwischen Schule und Kirche zu erhalten? 
Unter welchen Voraussetzungen können sie es sein? Wann aber sind sie das 
Gegenteil? Usw. Ich will mit diesen Fragen hier nur andeuten, wie viel des 
„Ererbten" es noch zu „erwerben" gilt. Die heutigen Kämpfe sind namentlich 
deshalb so beklagenswert, weil sie bei der allermeist so unsachlichen Führung nicht 
zu einem gedeihlichen Frieden führen können, wohl aber die arme Schule schwer 
zu schädigen geeignet sind. 
Die älteren Leser werden sich erinnern, daß das Ev. Schulblatt von 1899 
einen höchst intereffanten Artikel von Trüper brachte: „Eine Bankrotterklärung 
des Schulkasernismus". Der Artikel war hervorgerufen durch eine Schrift des 
Mannheimer Stadtschulrats Dr. Sickinger über „die Frage der Organisation 
der Volksschule in Mannheim" und eine Besprechung derselben in der „Zeit 
schrift für Schulgesundheitspflege von Dr. med, Moses. Bekanntlich erreichen 
in den großen städtischen Schulsystemen sehr viele Schüler das Schulziel nicht, in 
Mannheim brachte es damals */? dahin. Nach einer genauen Durcharbeitung 
des statistischen Materials von 44 unserer Großstädte kommt Sickinger zu dem 
Ergebnis: „In den großen Volksschulkörpern durchläuft nicht 
einmal die Hälfte aller Kinder innerhalb der gesetzlichen 
Schulpflicht die Schule regelrecht: über die Hälfte allerKinder 
erleidet ein-, zwei-, drei- und mehrmals Schiffbruch, tritt mi* 
einer verstümmelten und unzulänglichen Schulbildung ins 
Leben hinaus und, was noch schlimmer ist, ohne Gewöhnung an 
intensives, fleißiges und gewissenhaftes Arbeiten, der köst- 
lichsten Frucht rationeller Schulerziehung, ohne Vertrauen 
auf die eigene Kraft, ohne ArbeitsWilligkeit und Arbeits 
freudigkeit." 
Bedenkt man, daß hier ein schweres Unrecht vorliegt nicht nur gegen die zurück 
bleibenden Kinder, sondern nicht minder gegen die glücklicher situierte Hälfte, die 
durch die Rücksichtnahme auf die Nachzügler in ihrer Entwicklung aufgehalten 
und sonst geschädigt wird, so wird man nicht mehr in Abrede stellen können, 
daß unsere einstufigen großen Schulsysteme einen Notstand gezeitigt haben, der 
ernstlich ins Auge gefaßt sein will und für den Abhilfe gesucht werden muß.
	        

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