Lüge — Irrtum.
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Sprachfertigkeit von einschneidender Bedeutung ist. Wenn wir das wahr nennen
wollen, was nach bestem Misten, Gewissen und Können ausgesprochen wird, wird
mancher Irrtum einem ungenügenden Aussprechenkönnen zuzuschreiben sein. —
Doch gehen wir zum Thema über, das einige Streiflichter auf das große Gebiet
der Psychologie des Aussagens werfen soll.
Die Psychologie des Aussagens betrachtet die Aufnahme und Wiedergabe
der Vorstellungen. Soll, um es allgemein auszudrücken, das, was wir aus
sprechen, Wahrheit sein, so müssen die Organe des Aufnehmens und Wieder
gebens physisch und psychisch richtig funktionieren. Sinnesorgane, Apperzeptions-
und Reproduktionsvermögen müssen ein unfehlbares Erkennen, Anschauen, Begriffs
bilden und Wiedergeben verbürgen; und ein der Wahrhaftigkeit dienender Wille
müßte allen Funktionen Freiheit gestatten. Dieser Wille fehlt bei der absicht
lichen Lüge. Unsere Aufgabe besteht daher darin, die vorhergenannten Seelen
tätigkeiten zu betrachten, und wenn wir dann Mängel finden, wenn wir ihnen
nicht immer trauen dürfen, so werden wir erkennen, daß Lüge und Irrtum nicht
immer offenkundig sind.
Mängel sind vorhanden, vollkommene Organe haben wir nicht. Wie un
vollkommen ist das Auge, wie unfähig zur Aufnahme in der Welt des Großen
und des Kleinen. Wir können von unbedingt richtigen und absolut klaren Be
griffen nicht reden, weil wir sie gebildet unter Zuhilfenahme von Mikroskop,
Lupe und Fernrohr. Wie trügt uns das Auge in der Schätzung des Raumes,
wie trügerisch reagiert es auf das Narrenspiel der Fata morgana. Eine rote
Siegellackstange, schnell am Auge vorbeigeführt, erscheint schwarz, weil die Peri
pherie der Netzhaut für Rot unempfänglich ist. Doch untersuchen wir das spezi
fisch Seelische.
Die Erfahrung lehrt uns, daß die Auffassung von Tatsachen und Begeben
heiten, durch größere oder kleinere Mängel beeinflußt, zu unrichtigen Aussagen
Veranlassung geben kann. Die Auffassung wird bestimmt durch psychische und
physische Veranlagung und durch die Gesamtverfassung, in der wir uns in dem
Augenblick der Aufnahme befinden. Wir sind hierbei entweder geistig und körper
lich normal oder unnormal. Pathologische Erscheinungen erforscht die Psychiatrie.
— Ich möchte gleich zu Beispielen von Irrtümern übergehen, die bei der Auf
nahme im Zustand und Sinne der Erwartung entstehen können. Sie
sind schon möglich, auch wenn wir uns der ganzen Ruhe des Anschauens hin
geben können, viel eher aber, wenn wir erregt oder im Zustande höchster Span
nung sind. Eine falsche Auffassung und eine falsche Aussage ist dann wesentlich
das Werk der Phantasie, des neckischen Koboldes, der zum Bilde aus allen Fä
chern der Vorstellungen passendes Einwurfmaterial sucht, um das wahre Bild zu
entstellen. Sie ist unsere stete Begleiterin und Trügerin. Mit ihren bösen
Talen bringt sie sonderlich den Richter und Erzieher in Verlegenheit. Doch Bei
spiele! In einem Wirtshause entsteht Streit, beginnend mit Wortfechterei.
Hitziger werden die Köpfe, heftiger die Worte. Die Gäste merken auf in höch
ster Spannung. Jetzt schlägt der zornblinde Bursche seinen Gegner mit dem
Seidel. — Vor Gericht. Was haben die Zeugen nicht alles gesehen und gehört!
Der eine beobachtete ein Werfen, der andere ein Schlagen, der dritte sah Blut,
der vierte wieder verneinte diese Aussage. Der vorhergegangenen beleidigenden
Worte erfanden die Zeugen in Menge, vermeintlich gehörte, die, dem eigenen
Gebrauchsmuster des Einzelnen entnommen, grundverschieden waren. Das alles