Full text: Evangelisches Schulblatt - 51.1907 (51)

Lüge — Irrtum. 
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Sprachfertigkeit von einschneidender Bedeutung ist. Wenn wir das wahr nennen 
wollen, was nach bestem Misten, Gewissen und Können ausgesprochen wird, wird 
mancher Irrtum einem ungenügenden Aussprechenkönnen zuzuschreiben sein. — 
Doch gehen wir zum Thema über, das einige Streiflichter auf das große Gebiet 
der Psychologie des Aussagens werfen soll. 
Die Psychologie des Aussagens betrachtet die Aufnahme und Wiedergabe 
der Vorstellungen. Soll, um es allgemein auszudrücken, das, was wir aus 
sprechen, Wahrheit sein, so müssen die Organe des Aufnehmens und Wieder 
gebens physisch und psychisch richtig funktionieren. Sinnesorgane, Apperzeptions- 
und Reproduktionsvermögen müssen ein unfehlbares Erkennen, Anschauen, Begriffs 
bilden und Wiedergeben verbürgen; und ein der Wahrhaftigkeit dienender Wille 
müßte allen Funktionen Freiheit gestatten. Dieser Wille fehlt bei der absicht 
lichen Lüge. Unsere Aufgabe besteht daher darin, die vorhergenannten Seelen 
tätigkeiten zu betrachten, und wenn wir dann Mängel finden, wenn wir ihnen 
nicht immer trauen dürfen, so werden wir erkennen, daß Lüge und Irrtum nicht 
immer offenkundig sind. 
Mängel sind vorhanden, vollkommene Organe haben wir nicht. Wie un 
vollkommen ist das Auge, wie unfähig zur Aufnahme in der Welt des Großen 
und des Kleinen. Wir können von unbedingt richtigen und absolut klaren Be 
griffen nicht reden, weil wir sie gebildet unter Zuhilfenahme von Mikroskop, 
Lupe und Fernrohr. Wie trügt uns das Auge in der Schätzung des Raumes, 
wie trügerisch reagiert es auf das Narrenspiel der Fata morgana. Eine rote 
Siegellackstange, schnell am Auge vorbeigeführt, erscheint schwarz, weil die Peri 
pherie der Netzhaut für Rot unempfänglich ist. Doch untersuchen wir das spezi 
fisch Seelische. 
Die Erfahrung lehrt uns, daß die Auffassung von Tatsachen und Begeben 
heiten, durch größere oder kleinere Mängel beeinflußt, zu unrichtigen Aussagen 
Veranlassung geben kann. Die Auffassung wird bestimmt durch psychische und 
physische Veranlagung und durch die Gesamtverfassung, in der wir uns in dem 
Augenblick der Aufnahme befinden. Wir sind hierbei entweder geistig und körper 
lich normal oder unnormal. Pathologische Erscheinungen erforscht die Psychiatrie. 
— Ich möchte gleich zu Beispielen von Irrtümern übergehen, die bei der Auf 
nahme im Zustand und Sinne der Erwartung entstehen können. Sie 
sind schon möglich, auch wenn wir uns der ganzen Ruhe des Anschauens hin 
geben können, viel eher aber, wenn wir erregt oder im Zustande höchster Span 
nung sind. Eine falsche Auffassung und eine falsche Aussage ist dann wesentlich 
das Werk der Phantasie, des neckischen Koboldes, der zum Bilde aus allen Fä 
chern der Vorstellungen passendes Einwurfmaterial sucht, um das wahre Bild zu 
entstellen. Sie ist unsere stete Begleiterin und Trügerin. Mit ihren bösen 
Talen bringt sie sonderlich den Richter und Erzieher in Verlegenheit. Doch Bei 
spiele! In einem Wirtshause entsteht Streit, beginnend mit Wortfechterei. 
Hitziger werden die Köpfe, heftiger die Worte. Die Gäste merken auf in höch 
ster Spannung. Jetzt schlägt der zornblinde Bursche seinen Gegner mit dem 
Seidel. — Vor Gericht. Was haben die Zeugen nicht alles gesehen und gehört! 
Der eine beobachtete ein Werfen, der andere ein Schlagen, der dritte sah Blut, 
der vierte wieder verneinte diese Aussage. Der vorhergegangenen beleidigenden 
Worte erfanden die Zeugen in Menge, vermeintlich gehörte, die, dem eigenen 
Gebrauchsmuster des Einzelnen entnommen, grundverschieden waren. Das alles
	        
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