Full text: Evangelisches Schulblatt - 51.1907 (51)

An einem Marksteine. 
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flutenden Strom eine Welle, die sich hebt und dann untersinkt, ohne eine Spur 
ihres Daseins zu hinterlasien. Aber was Geschichte hat, das hat in irgend 
einem Sinne — in gutem oder bösem — eine bleibende Bedeutung für 
das Allgemeine gewonnen. Es ist nicht eine schöne, schmucke Rinde, die all 
mählich abstirbt, verholzt und zerfällt, sondern es ist ein Schicht, die sich im 
Baum der Menschheit ansetzt und, so dünn sie auch sein mag, doch für alle 
Zeit nachweisbar bleibt, wenn auch vielleicht nur unter dem Mikroskop, wie die 
feinsten Jahresschichten in den Riesenleibern märchenalter Königsbäume. 
In diesem Sinne dürfen wir auch von dem „Evangelischen Schulblatt" 
sagen: Es hat eine Geschichte. Es ist hinausgewachsen über das Individuelle, 
das rein Persönliche seines Begründers, so überragend dieser auch war. Ich 
habe wohl die Frage gehört: Hat denn das Schulblatt heute noch eine Be 
deutung? Muß es denn noch da sein? Einigen mag es so scheinen, als 
könne man es ohne Schaden eingehen lassen. Aber ich bin davon überzeugt — 
und darin weiß ich mich mit vielen Freunden einig — daß es auch jetzt noch 
eine besondere Aufgabe auf lange Zeit hinaus hat. Was sein Begründer 
gewollt hat, das mag in dem einen oder andern Punkt erledigt sein. An 
Schulblättern fehlt es heute in Rheinland und Westfalen nicht. Aber für das, 
was das Schulblatt ist nach der Art seines Begründers und nach den Aufgaben, 
denen es bisher gedient hat, dafür gibt es nirgend sonstwo einen vollen Ersatz. 
Ob wir, die jetzt Lebenden und Wirkenden, auch die Berufenen sind, das weiß 
ich nicht; da kann ich nur wünschen und hoffen. Aber wenn es einginge, dann 
gerade würden viele der jetzt Zweifelnden von der Notwendigkeit seines Daseins 
sich überzeugen. 
Worin ich die Bedeutung unseres Schulblattes für die Gegenwart sehe, das 
kann ich hier nur kurz andeuten. 
Ein Evangelisches Schulblatt soll allen denen unter unsern Berufsgenoffen 
dienen, die in dem Kampf um die religiösen Güter eine Stütze, die Halt und 
Anschluß suchen. Was bedeutet nicht schon der bloße Anschluß? Wenn im ver 
schütteten Stollen der Unglückliche sich weiter tastet dem Ausgange zu, was ist 
es da für ihn schon wert, wenn er plötzlich auf Leidensgefährten stößt! Jetzt 
können sie doch gemeinsam suchen und gemeinsam leiden! Solche Verschüttete 
sind auch wir. Da wächst uns im brüderlichen Zusammenschluß die Hoffnung 
und der Wille nach Rettung, nach einem Ausweg. Wir wollen uns unsern 
Christenglauben nicht hinwegschwemmen lasten von der Flutwelle der kritischen 
Theologie, die im Namen der Wiffenschaft mit den wichtigsten Erbgütern umgeht 
wie mit Kinderspielzeug. Freilich wissen wir auch wohl, daß die „rechte Lehre" 
bloß ein Stück ist im Christenleben, daß neben der Lehre das lebendige Er 
fahren und Sichauswirken seinen Platz haben muß. Die bloße Lehre ist tot und 
macht tot. Auch das wollen wir nicht vergessen, daß es menschliche Worte sind.
	        
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