Full text: Evangelisches Schulblatt - 54.1910 (54)

Evangelisches Zchulblalt. 
I Iuni. I 
I. Abteilung. Abhandlungen. 
Religionsunterricht im Namen der Pädagogik 
und des Staates. 
vom Herausgeber. (Schluß.) 
2. Der staatliche Religionsunterricht. 
Aus welchen Gründen wird die völlige Verstaatlichung des Religions 
unterrichts gefordert? Wir fragen damit nicht nach der Ursache. Diese 
liegt in der Scheu und in der Feindschaft gegenüber der Kirche, den Dog 
men, dem „Mittelalter". Was die Gründe angeht, so finden wir da eine 
babylonische Verwirrung, ein Zeichen der Verlegenheit und Ratlosigkeit; 
diese Verstaatlichung ist eben nur ein Mittel, ein Vorwand, den eigent 
lichen Zweck wagt man nicht immer anzugeben, das klänge zu hart, das 
könnte Widerstände auslösen, deren man doch nicht Herr wird. 
Hören wir über die Gründe zuerst den sächsischen Theologen D. Sülze 
(N. Sächs. Kirchenbl. 1908. Nr. 25): Auf die Frage: Wem kommt die 
Aufsicht über den Religionsunterricht in der Schule zu? meint er, die Ant 
wort ergebe sich im allgemeinen von selbst. „Der hat die Aufsicht zu 
führen, in dessen Interesse der Religionsunterricht in der Schule erteilt 
wird. Aber wer ist das? Ist es der Staat oder die Kirche? Nach 
meiner Überzeugung ist es der Staat. Es ist vollkommen unnatürlich, daß 
der Staat der Diener der Kirche sein, und daß die Kirche eine ihrer Auf 
gaben dem Staate überlassen soll. Braucht der Staat den Religionsunter 
richt nicht, dann muß er ihn, wie in Frankreich, aus der Schule entfernen. 
Braucht er ihn, dann muß er ihn seinem Bedürfnis gemäß ordnen und 
leiten. Er darf sich nicht in einem seiner Gebiete von einem andern Ver 
bände Vorschriften erteilen und beaufsichtigen lassen. Bei solch einem zwie 
spältigen Verhältnis, wie das gegenwärtige ist, kommen beide, der Staat 
und die Kirche, vor allem aber der Religionsunterricht selbst zu kurz. Er 
wird ein Gegenstand eines nie endenden Streites, bei dem er unmöglich 
gedeihen kann." Der Staat, so wird weiter ausgeführt, müsse um seiner 
Gesetze willen auf die Sittlichkeit der Bürger rechnen, und diese Sittlichkeit 
19
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.