Volltext: Evangelisches Schulblatt - 54.1910 (54)

Evangelischer Schulblatt. 
.„.TI Juli. I 
I. Abteilung. Abhandlungen. 
Das Staatsbewußtsein als Lrziehungsgrundsatz vor 
hundert Jahren. 
von Th. Franke, Wurzen. 
Wir leben jetzt im Zeitalter der staatsbürgerlichen Erziehung, der 
politischen Bildung. Gesellschaften gründen sich zu ihrer Pflege; Preis 
ausschreiben reizen zu ihrer Erforschung und Vervollkommnung; Behörden 
fordern zu ihrer Erörterung auf; politische Parteien erwärmen sich für sie 
und nehmen deren Pflege in ihr Verzeichnis von Forderungen, wie die 
neugegründete „Deutsche freisinnige Volkspartei". Schriften, Aufsätze, 
Vorträge stellen sich in ihren Dienst: kurz, das Zeitalter der staatsbürger 
lichen, politischen Bildung ist angebrochen. Die Schule gerät in den Bann 
kreis dieses Gedankens. Grund genug, ihn näher zu erörtern. 
Dieser Gedanke ist nicht neu; er ist nur von neuem zu regstem Leben 
entfacht worden. Staat und Erziehung stehen von Natur in innigstem 
Wechselzusammenhang. Der kann eigentlich nicht verkannt werden. Den 
noch hat es lange gedauert, ehe man bewußtermaßen Staat und Erziehung 
in ursächlichen Zusammenhang setzte. Dies hatte mannigfache Ursachen. 
Entscheidend war zumeist, daß man noch ein höheres Erziehungsziel als 
das staatliche oder weltliche kannte, das religiöse oder sittlich-religiöse, 
überweltliche, jenseitige. Zudem mußte der Staatsgedanke erst als eine 
selbständige Gedankenmasse ins menschliche Bewußtsein treten, losgelöst von 
den gedanklichen Verbänden, in deren Schoße er sich entwickelt hatte. Dazu 
gehörte auch ein besonderer, leicht handhablicher Name. Daran aber man 
gelte es lange. Die Griechen nannten ihre Stadtstaaten polis, die Staaten 
der „Barbaren" bezeichneten sie als Perser, Ägypter usw. nach den Völ 
kern; sonst kannten sie nur noch den Gesamtnamen Gemeinschaft koinonia. 
Die Römer hatten auch keinen eigentlichen Fachausdruck für Staat, sondern 
gebrauchten dafür clvitas Bürgerschaft (polis Stadt), res publica Gemein 
wesen, regnum Königreich, imperium Kaiserreich. Die Italiener machten 
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