Full text: Evangelisches Schulblatt - 54.1910 (54)

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Evangelisches Zchulblatt. 
Januar. 
Neujahrsgedanken. 
vom Herausgeber. 
Der lieben Jugend liegt die Zukunft vor Augen wie ein schönes Land 
voll blühender Gärten. Die mancherlei Enttäuschungen, die auch sie schon 
erfahren, haben sich noch nicht in ihr Gedächtnis eingegraben, sie sind 
längst vergessen, und die schwellende Kraft sehnt sich nach Taten, die 
Erwartung streckt die Fühler aus nach Neuem, kaum Geahnten. So steht 
die Jugend auch mit froher Zuversicht vor dem Neuen Jahr; sie schaut 
durch das Gitter, das sich eben für sie öffnen will, mit naivem Nicht 
wissen, als der „reine Tor". Was hinter ihr liegt, hat ihr noch keine 
Lehren des Versagens, der Schuld, der Reue gegeben. — Je älter man 
wird, um so weniger erwartet man; man kennt die Welt, wenigstens 
glaubt man sie so weit zu kennen, daß man weiß, was der Weltlauf einem 
bringen kann und wird. Man betrachtet das Neue Jahr mehr wie ein 
Zuschauer in diesem Welttheater, der mit dem, was er versucht und erjagt, 
was er versäumt, verloren und gelitten hat, sein Eintrittsgeld bezahlte, 
der mit seinem eigenen Erleben bei dem, was sich nun abspielen wird, 
wenig oder gar nicht beteiligt ist, der aber immerhin mit einer gewissen 
Neugierde zuschauen möchte, was nun wohl wird, welchen Irrtümern und 
Enttäuschungen nun wohl die anheimfallen werden, die das Spiel auf 
dieser Bühne noch in vollem Ernst betreiben. 
Und doch ist dieses Verzichten, diese Resignation des klug gewordenen 
Alters im Grunde nichts wie eine Selbsttäuschung. In Wirklichkeit brechen 
unter dem welkenden und vermodernden Laub unsrer fehlgeschlagenen Hoff 
nungen überall neue Keime hervor. Auch wenn wir uns dagegen wehren: 
wir müssen immer aufs neue wieder hoffen. „Es strebt der Mensch, so 
lang er lebt." Neue Möglichkeiten des Wirkens, des Erfolges winken uns, 
und ehe wir's uns versehen, haben wir Stab und Schwert wieder er 
griffen; wir müssen unsern Weg weiter wandern, unsern Kamps weiter 
kämpfen. 
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