Volltext: Evangelisches Schulblatt - 54.1910 (54)

Evangelisches Schulblatt. 
I November. | 
I. Abteilung. Abhandlungen. 
Npologetische Zragen. 6. 
Denken und Wollen?) 
von Dr. G. von Rohden, 
l. 
In Schlafrock und Nachtmütze, eine Lampe in der Hand, stellt 
sich Wagner bei dem vom Wissensdurst verzehrten, geisterschauenden 
Faust ein. Mit Eifer hat er sich der Studien beflissen; zwar weiß er 
viel, doch möcht' er alles wissen. In der Hochschätzung des Wissens 
ähnelt er also seinem Meister. Aber es ist doch nur ein kümmerlicher 
Schatten des echten, unersättlichen Wahrheitstrachtens: Diese Art von 
Alleswisserei sieht vor allem auf den Nutzen: sie möchte gerne „profitieren"; 
sie klebt immerfort am schalen Zeuge, gräbt wohl mit gieriger Hand nach 
Schätzen, ist aber froh schon, wenn sie Regenwürmer findet. 
So zeichnet uns Goethe mit einigen scharfen, genialen Strichen einen 
klassischen Typus der seichten, selbstzufriedenen Aufklärung, des platten, 
utilitaristischen Rationalismus. Die Lampe des gesunden Menschen 
verstandes in der Hand glaubt er sich zum Alleswissen, Allesbegreifen 
i) Dieser Streifzug durch die Geschichte der neueren Philosophie ist veranlaßt durch 
das Buch von Prof. D. Schlatter in Tübingen: Die philosophische Arbeit seit 
Cartesius nach ihrem ethischen und religiösen Ertrag. 2. Ausl., 267 S. Gütersloh, 
C. Bertelsmann. Unser Aufsatz verfolgt in freier Weise einige Grundgedanken dieses 
ungemein lehr-- und genußreichen, schön geschriebenen, bedeutsamen Buches und dient 
so zugleich zu seiner empfehlenden Anzeige. Schlatters Buch fesselt insbesondere, um 
das kurz nur hier hervorzuheben, durch die neuen interessanten Durch- und Ausblicke, 
die es gewährt, und durch den bestimmten, besonnenen Optimismus, mit dem jede 
„Religionsmengerei", jede Vermischung von Philosophie und Christentum, abgewiesen 
und doch den ernsten Bestrebungen der Denker alle Gerechtigkeit zuteil wird. Es preist 
die durch die Geschichte der Philosophie errungene Selbständigkeit der Religion und regt 
zum eigenen selbständigen Denken an. Schlatter bekämpft grundsätzlich die „Furcht vor 
dem Denken" in der Religion. 
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