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Evangelisches Zchulblatt.
j April.
I. Abteilung. Abhandlungen.
Moderne Erziehungsromane.
von Rektor Heinrich INöhn in Mülheim a. d. Ruhr.
Der erste deutsche Bildungsroman von Bedeutung erschien im Jahre
1795. Es war Wilhelm Meister. Manches an diesem Werk erscheint
uns recht seltsam. Der bunten Welt der Begebenheiten, die der Dichter
vor uns entrollt, stehen wir in mehr als einer Hinsicht fern. Eigenartig
berührt es auch, daß der Held am Ende seiner Entwicklungslaufbahn ge
stehen muß, daß er zu dem Künstlerberuf, den er sich erwählt hat, kein
ausreichendes Talent besitzt. Man hat besonders das letztere damit zu
erklären gesucht, daß man sagte, Goethe müsse wohl während der Be
arbeitung seinen ursprünglichen Plan geändert haben. Wie dem auch sei,
eins darf auf keinen Fall übersehen werden: der Dichter wollte nicht
zeigen, wie ein Strebender sein Ziel erreicht; es kam ihm lediglich darauf
an, nachzuweisen, wie das vielgestaltige Leben mit all seinen ineinander
greifenden Begebenheiten und Personen auf eine entwicklungsfähige Menschen
seele einwirkt. Und das ist ihm meisterhaft gelungen.
Das Jahr 1805 brachte dann „Dichtung und Wahrheit", den
Bildungsroman der Deutschen, so darf man ja wohl sagen, denn einen
besseren besitzen wir nicht. Der Wanderer hat die Höhe des Lebens er
stiegen, als völlig Ausgereifter steht er rückschauend still und spendet Licht
allen Weggenossen neben und nach ihm.
Die nachklassische Zeit schenkte dem deutschen Volke den einst ein
wenig überschätzten Eichendorffschen Roman „Aus dem Leben eines Tauge
nichts", dessen Held sich frohgemut durchs Leben singt und trinkt und
immer lustig und guter Dinge ist. Ein echtes Erzeugnis romantischer
Kunst!
Aus der Epoche des Realismus stammt der „Grüne Heinrich" von
Gottfried Keller, der in mancher Beziehung in Parallele gesetzt werden
kann mit „Wilhelm Meister". Mit ihm hat er gemein die Fülle der
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