Full text: Evangelisches Schulblatt - 56.1912 (56)

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Cvcingslilcks; Schulblatt. 
-flpril. 
Aus der Geschichte der Zahlwörter und Zahl 
bezeichnungen. 
von Otto Woeste in Godesberg. 
Wenn man die Lehrbücher durchblättert, aus denen wir unsre Mathe 
maük schöpften, wird man kaum auf geschichtliche Angaben stoßen. Höchstens 
begegnet uns als Fußnote oder in den Vortrag eingestreut die Bemerkung, 
daß unsre sogenannten „arabischen" Ziffern indischen Ursprungs sind wie 
unser ganzes Ziffernsystem. Wem wäre auch mit solchen Angaben gedient? 
Die Mathemaük bedarf keiner Belege aus der Geschichte. Wir brauchen sie 
nicht als Zeugin aufzurufen, um zu dokumentieren, daß 2.2 — 4 ist. Das 
ist eine abgestandene Weisheit, für uns so selbstverständlich, daß sie zur 
sprichwörtlichen Redensart geworden ist. Und sollte doch einer sich allen 
Ernstes dieser Tatsache verschließen, wir könnten höchstens versuchen, ihn auf 
Grund der Anschauung zu überzeugen. Oder kann die Geschichte beim Be 
weisen eines Lehrsatzes Helferdienste leisten? Auch das nicht. 
Was will dann aber die Geschichte der Mathematik? Was jede andere 
Geschichte auch will; uns aufklären über das Geschehen in der Welt der 
Mathemaük; denn auch in dieser Welt gibt es ein Geschehen, ein Aufbauen 
nmb Niederreißen. Keine Wissenschaft scheint uns so vollkommen wie gerade 
die Mathemaük. Ihre Begriffe haben bei allen Völkern denselben Inhalt. 
Es gibt keine deutsche, französische oder englische Mathemaük, sie ist inter- 
naüonal. Als etwas Ferüges tritt sie uns vor die Augen. Eben deshalb 
vergessen wir so leicht, daß sie ein Werden durchgemacht hat und noch im 
Werden begriffen ist. Uns wird so selten Gelegenheit geboten, den Puls 
schlag der Mathematik zu fühlen, so überaus selten, daß wir uns daran 
gewöhnt haben, sie als eine kalte Wissenschaft zu betrachten. Der Grad 
messer für diesen Pulsschlag ist die Geschichte der Mathemaük. Aber nicht 
Evangcl. Schulblatt. 56. Jahrg. 10
	        

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