Full text: Evangelisches Schulblatt - 56.1912 (56)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
läßt. Ziller verlangt auch, daß sich das Kind über das Erfahrene äußere 
in individueller Weise, daß es zeichne, die Erfahrung denkend verarbeite und 
sich, soweit als möglich, betätige. Es sei darum eine Behandlung nach 
Zillerschen Grundsätzen skizziert. 
Mit der Betätigung der Sinne beginnt Ziller nicht sogleich, wie manche 
Pädagogen nach Wundtscher Psychologie, die mit der Tür ins Haus fallen, 
sondern er stellt zuerst eine Aufgabe, ein Problem. Diese Aufgabe entnimmt 
Ziller aber nicht der Fachwissenschaft, sondern der Kulturgeschichte, denn 
der Schüler hat für die strenge Wissenschaft kein ursprüngliches Interesse, 
er soll es erst allmählich bekommen. Ferner soll die wissenschaftliche Er 
kenntnis der ethischen Einsicht untergeordnet werden. Die wissenschaftliche 
Bearbeitung selbst darf aber dabei keinen Schaden nehmen, es fehlt dazu 
auch alle Möglichkeit. Ziller bietet mehr als der, der nur wissenschaftlich 
die Sache darzulegen sucht, er treibt auch bei Naturkunde erziehenden Unter 
richt. Man wird also das Thermometer nicht auftreten lassen als Anwendungs 
objekt des Satzes von der Ausdehnung durch die Wärme, sondern dieser 
Gegenstand ist recht geeignet, dem Schüler dieses naturwissenschaftliche Problem 
zum Nachdenken zu geben, so daß er als Ergebnis das genannte Natur 
gesetz sich selbst erarbeitet (Selbsttätigkeit!) Wir gehen also vom Konkreten 
zum Abstrakten. Die Aufgabe knüpft an die Kulturgeschichte an, damit ein 
Zusammenhang mit einer großen Gedankenmasse geschaffen wird, damit im 
Kinde ein Bedürfnis für die wissenschaftliche Betrachtung reger werden kann, 
und damit für die ethische Beurteilung, den Angelpunkt alles Erziehungs 
unterrichts. Grund und Boden geschaffen wird. 
Die Geschichte der neueren Zeit lehrt aber, daß sich die Menschen im 
Häuserbau Verbesserungen befleißigten, daß sie auf bequemere, gesundere 
Wohnungen aus waren. Daher sinden wir auch Fortschritte in der Be 
heizung, worüber in der Naturkunde schon die nötigen Besprechungen erfolgten. 
Das Heizen kann aber übertrieben oder saumselig gehandhabt werden zum 
Schade» der Leistungsfähigkeit der Menschen. Ob die Menschen sich nicht 
zu helfen wußten, damit sie eine gleichmäßige, wohl angepaßte Temperatur 
ins Arbeitszimmer brachten? So wird das Kind angehalten, dem nach 
zudenken, was die Menschen gewollt haben, und wie sie die Naturkräfte als 
Mittel für ihre Zwecke beherrschen und auszunutzen lernten. Das Kind 
erforscht also noch einmal, sinnt über Probleme nach, die sich die Menschen 
' gestellt haben. 
Es wurde vor 2—300 Jahren eine Erfindung gemacht, indem ein 
Werkzeug geschaffen wurde, das den Menschen sagte und auch uns sagt, 
ob der richtige Wärmegrad in der Stube erreicht ist. Hier hängt es, das 
Thermometer. Lest den Wärmegrad ab! So ist die Aufgabe gestellt. Aber
	        

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