Full text: Pädagogische Woche - 4.1908 (4)

— dO — 
wie er das schon an anderer stelle ausgesprochen habe, den 
selben für durchaus berechtigt. Schon die Rücksicht auf den 
Zugang ,um Lehrerberuf lasse den Wunsch der Lehrerschaft ge 
rechtfertigt erscheinen. Es ist selbstverständlich, daß ein junger 
Mann bei Wahl eines Berufes sich auch von der Aussicht auf 
das zu erreichende Einkommen leiten lasse; um dem Lehrerstand 
einen tüchtigen Nachwuchs zu sichern, müsse man ihn darum so 
besolden, daß er nicht gegen andere Beamte m t annähernd 
gleicher Vorbildung und sozialer Stellung zurückstehe. Vielfach 
höre man allerdings den Einwurf, daß gerade der Lehrer durch 
Privatstunden und andere Nebenbeschäftigungen sein Einkommen 
leicht erhöhen könne, aber er könne sich dieser Meinung nicht 
anschließen. Ganz abgesehen davon, daß sehr viele Lehrer gar 
nicht in der Lage seien, solche Beschäftigungen zu erlangen, und 
daß der Entgelt dafür oft ein recht dürftiger sei, halte er es 
auch für sehr bedenklich, wenn der Lehrer einen großen oder 
vielleicht den größten Teil seiner Kraft außeramtlich verbrauchen 
müsse. Dazu komme noch, daß der Lehrer durch Privatunter 
richt sehr in Versuchung oder doch in den Verdacht geraten 
könne, seine Schüler mit ungleichem Maße zu messen, und das 
müsse vermieden werden. Die Gleichstellung der Lehrer mit den 
Beamten könne freilich nicht so herbeigeführt werden, daß die 
einzelnen Gehaltssätze in den verschiedenen Dienstjahren ohne 
weiteres übertragen würden; wohl aber glaubte er, daß sich der 
Wunsch nach einer Gleichheit in den Gesamtbezügen und auch 
im Höchstgehalt verwirklichen lasse. Im übrigen halte er es 
für richtig, die wesentlichsten Aufbesserungen in den Lebens 
jahren eintreten zu lassen, in denen der Unterhalt für die Fa 
milie, sowie die Erziehung und Ausbildung der Kinder besonders 
hohe Opfer erheischen. Dabei sei zu erwägen, daß viele Lehrer 
durch Beschäftigung in kleineren Dorfgemeinden und die mangel 
hafte Verpflegung daselbst genötigt würden, in verhältnismäßig 
frühem Alter eine Familie zu gründen." 
Zu den Gehaltserhöhungen für Beamte, Lehrer und 
Geistliche bringt die .Köln. Ztg " einen jedenfalls offiziös in 
spirierten Artikel, wonach gleichzeitig mit der Gesetzesvorlage 
über die Gehaltserhöhungen die preußische Regierung dem Land 
tage ein zur teilweisen Deckung dieser Mehrausgaben bestimmtes 
Gesetz über eine mäßige Erhöhung der Einkommen- und Er 
gänzungssteuer im Januar vorlegen wird. An Gehaltsauf 
besserungen für Beamte werden 60—80 Millionen, für Lehrer 
30, für die Geistlichkeit und deren Angehörige 10—Id Millionen 
beansprucht. Wegen der Erhöhung des Amtseinkommens der 
katholischen Geistlichkeit haben Verhandlungen - zwischen der 
Staatsregierung und den Bischöfen stattgefunden. Bezüglich 
der Lehrerbesoldungsvorlage haben sich das Kultus- und das 
Finanzministerium nach längeren Beratungen über die finanzielle 
Tragweite des Gesetzes geeinigt. Die Vorlage ist im Entwurf 
fertiggestellt. Betreffs der Deckung des aus der Vergangenheit 
herrührenden Ausfalles an Betriebsmitteln bei der Eisenbahn 
hält die Regierung es „mit den Grundsätzen einer verstänoigen 
Finanzwirtschaft" nur noch für vereinbar, nochmals als Aus 
nahmemaßregel den Anleiheweg zu beschreiten. Allein für die 
Beschaffung von Betriebsmitteln, in erster Linie, um dem all 
seitig beklagten Mangel an Güterwagen abzuhelfen, sollen im 
nächsten Jahre 250 Mill. Mk. zur Verfügung gestellt werden. 
Das offiziöse Blatt erklärt weiter, daß auch die übrigen Bundes 
staaten im Laufe derZeitmitdergesetzlichenErhöhung derEinnahmen 
ausderEinkommen-u.Ergänzungssteuernachkommenmüssen.Fürden 
Reichstag müsse das ein weiterer Grund sein, die Bedenken der 
Regierung zu respektieren, in erster Linie an den Ausbau des 
indirekten Steuersystems zu denken und erst im Falle der 
äußersten Not die direkten Steuern anzugreifen. 
Die Kruzifixe in den Elementarschulen. Man schreibt 
aus Italien: Die der „Volksaufklärnngspartei" angehörenden Stadt 
verordneten Alessandrias hatten für ihren Bereich die Entfernung der 
Kreuze aus den Volksschulen dekretiert. Mit dieser Maßregel er 
klärte sich aber ein großer Teil der Bevölkerung der piemontefischen 
Bischofsstadt nicht einverstanden. Daraufhin wurde kraft königlichen 
Dekrets der Gemeinderat angewiesen, die bereits aus den Schulen 
entfernten Kruzifixe schleunigst wieder an Ort und Stelle zu bringen. 
Hiergegen legte der Gcmeinderat Einspruch ein, den er damit be 
gründete, daß die Lazisicrung der Schulen ja beschlossene Sache sei, 
und daß deshalb das Kruzifix nicht mehr in die Schule passe. Der 
Stactsrat war aber anderer Meinung, indem er den Rekurs verwarf. 
Aus dem Spruchkhcitj. 
.Kinder sind wie die Blumen; sie können nicht zu uns herauf, wir 
müssen uns zu ihnen niederbeugen, wenn wir sie erkennen wollen. Wer 
sich die Mühe aber gibt, der wird in ihren Blättern nicht immer nur 
den Tau des Himmels finden, er wird in so manchen von ihnen einen 
schwarzen, schrecklichen Wurm entdecken, der mit reißenden Kiefern den 
zarten Kelch zerfleißt. O, es gibt Schmerzen in der Kmderseele, und wer 
sie gesehen hat, vergißt sie nicht wieder." 
Wildenbruch. 
„Ein Kind, das man ohne zärtliche Abkürzung des Namens nennt, 
ist wie eine Blume, die man nur mit botanischem Latein bezeichnet." 
Wildenbruch. 
„Wo der Mensch ein Recht hat, sind Almosen Betrug. Es gibt 
Leute, cs gibt uneheliche Kinder, die Almosen nehmen, die fidel, die lieder 
lich dabei sind, aber es gibt welche, die au den Almosen erwürgen. Und 
das sind die Besseren, die Glücklicheren, die Reicheren! Die andern sind 
noch viel elender!" 
Paul Keller. 
„Die Scham, Almosen zu nehmen, ist eine Krankheit, die alle Tage 
abnimmt." 
Paul Keller. 
„Leute gibt es mit stumpfem, schlechtem Gewissen, die an Geißel- 
hieben von Zeit zu Zeit ein halbes Wohlgefallen haben." 
Paul Keller. 
„Kleine Mißverständnisse machen die Menschen rasch vertraut mit 
einander, sie schlagen leichte intime Brücken von Seele zu Seele." 
Paul Keller. 
„Die Lüge ist ein Sumpf, auf den man nicht bauen kann, der ein 
zige feste Grund ist die Wahrheit, auch wenn sie kantig und rauh und 
felsenhart ist." 
Paul Keller. 
„Normalmenichen sind wie kubische Bausteine; sie passen am Ende in 
jeden Bau. Die Färbung tut nichts zur Sache, die große Baugesellschaft 
tüncht alles grau." 
Paul Keller. 
„Denn a Kind is was Heiliges, und es hat a Recht, was sich mit 
Geld nicht ablösen läßt." 
Paul Keller. 
Wenn des Weisen gute Lehre eine Hand ist, dich zu führen, 
In des Guten weisem Beispiel wirst du einen Flügel spüren. 
Wilh. Müller. 
„Mulla, multa ! recht vielerlei l" 
Gellet das heutige Schulgeschrei. 
Da waren doch klüger die Alten, 
Die haben's nur mit dem Multum gehalten. 
Joh. Mart. Schleper. 
Sprackecke des Altern. Deutschen Sprachvereins, 
verleihen. 
„verleihen" heißt leihweise übertragen, zeitweise hingeben, 
also so, daß die Rückgabe vorbehalten bleibt. So verleiht ein 
Landesfürst seine Orden, die beim Tode des Bedachten zurück 
gegeben werden müssen; so verleiht man Bücher, Pfründe u. a. 
Nun aber „verleiht" ein Fürst auch seine Büste oder sein Bild 
u. dgl. Ist daS Zeitwort da nicht falsch angewandt? die
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.