Full text: Pädagogische Woche - 12.1916 (12)

Zeitschrift der Hermann-Hubertus-Stiftung. 
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erscheint legen Samstag. 
Bongi 1.50 M. DlerfeOährllch ohne BaftellgelS. 
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flnjelgen : Die 4fpalt. Kle(ndruch>elle od. Seren 
Raum 0.30 M. — Bei Wiederholung Nachlaß. 
Beilagen: 1000 Slllch von 10.00 01. an. 
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Nils 3u(dirl(ten und Einsendungen find an Sie 
Oefdilttifiellc 9er „PSdagogllchsa HJotha" In 
Bochum, Kaiser'¥rledrlch-plal> 6, ,u ridKca. 
Fernsprecher 506. 
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Komminions-Derlaa und OefchäffsRelle: fDeflülildiü öerlags- und Lehrmisfel-flnfTalf 6. m. N.. Bochum. 
Nr. 24. 
Inhaltsverzeichnis. Wollen — eine königliche Kunst. — Die 
Organisation zur Verteidigung der christlichen Schule und die Ein 
heitsschule. — Wests. Provinzialverein d. K. L. d. D. R. — Teue 
rungszulagen. — Kriegsteuerungszulagen in Preußen. — Schule und 
Haus. — Ties und das. — Literatur. — Anzeigen. 
Wollen — eine königliche Kunst. 
Von L. Habrich, Xanten. 
^ Nach Meumann liegt im Willen nichts anderes als eine besondere 
Form intellektueller Prozesse. Er sagt am Schlüsse seiner Schrift 
„Intelligenz und Wille": „Unser ganzes Seelenleben läßt sich ohne 
Rest auflösen in eine Summe intellektueller Prozesse . . . Alles, was 
in den empirischen Willenserscheinungen hervortritt, ist unmittelbare 
Ich-Bedingtheit intellektueller Prozesse, die als eine eigenartige Er 
scheinung unserer intellektuellen Tätigkeit hervortritt" (S. 290). Das 
ist nichts anderes, als der reine Intellektualismus, im Gegensatz zum 
Voluntarismus, wie er von W. Wundt und anderen modernen Psy 
chologen vertreten wird, wenn Meumann sich auch selbst gegen das 
Wort „„Intellektualismus wehrt. Gutberlet meint von der Willens 
lehre Meumanns: „Es wäre ein Verderben für die Erziehung, welche 
in erster Linie den Willen bilden muß, wenn dessen Selbständigkeit 
im Seelenleben so verkannt würde, wie es von Meumann geschieht". 
(„Experimentelle Psychologie" S.'233.) — Auch Professor. Hellpach 
in Karlsruhe weist auf die große Gefahr des Meumannschen Intellek 
tualismus hin. Nach dieser Lehre kann wie Hellpach mit Recht sagt, 
„die Erziehung nichts anderes sein, als eine höchste Steigerung von 
Jntellektseigenschaften". Darüber ruft Hellpach aus: „Beklagenswerte 
Schulkinder, die ihr einem an dieser Theorie orientierten Erzieher in 
die Hände fällt! Armes deutsches Volk, wenn das deine zukünftige 
Wissenschaft vom persönlichen Leben ist!" Wie tief Meumann sich in 
solche Irrtümer verrannt hat, zeigen einige Behauptungen auf Seite 
258, wo von praktisch-seelischen Dingen die Rede ist: „Der Skipetar 
im Denken ist auch der Skipetar im Handeln". Da wird jede praktische 
Willensveranlagung einfach 'der entsprechenden ; Jntellektsveran? 
lagung zugeordnet". — Das ist nun ein großer Wider 
spruch mit den Erscheinungen des wirklichen Lebens. Es ist vielmehr 
so, als wenn der Skeptizismus auf dem Gehiete des Erkennens oft 
mit um so größerer Energie des Wollens und des Tuns 
verknüpft wäre, als wenn die mangelüde Gewißheit des Er- 
kennens in einer erhöhten Energie des Schaffens Ersatz suchte. Man 
braucht dabei nur an Naturen wie Napoleon und Richard Wagner 
zu denken. Und umgekehrt kann mit der Sicherheit des Erkennens 
eine praktische Tatlosigkeit verknüpft sein, die in der Geschichte der 
Kirche uns als Quietismus begegnet, eine Unfähigkeit zum Ent 
schließen und Handeln, welche die neuere physiologische Psychologie als 
Aublie bezeichnet. Darum ruft Hellpach erstaunt aus: „Man fragt 
sich wirklich: Hat Meumann noch nie lebendige Menschen gesehen 
oder hat er sie, als er sein Buch schrieb, ganz vergessen?" („Zeitschrift 
für Psychologie", von Schumann 1910, 86. Bd. S. 449.) So wird 
die experimentelle Psychologie und Pädagogik der Erziehung nicht nur 
dadurch gefährlich, daß die Hauptaufgabe derselben, die Willens 
bildung, ganz und gar aus dem Bereiche ihrer Untersuchungen aus- 
geschlofsen ist, sondern auch dadurch, daß sie mit einer höchst verderblichen 
Theorie verknüpft ist. Denn wenn es keinen besonderen Willen gibt, 
so kann es keine besondere Willensbildung geben, so kann von Uebung, 
Gewöhnung/Beherrschung des Wollens naturgemäß nicht die Rede 
12. Jahrgang 
sein. Man sorgt für den Verstand, und erwartet, das Wollen werde 
von selbst kommen! Als wenn das Erkennen auch das Tun in sich 
schlösse! — Dann müßte ja Satan mit seinem durchdringenden Er 
kennen ein Heiliger sein! Und wenn das Volk sagt: Je gelehrter, desto 
verkehrter! so spräche es damit eine riesige Unwahrheit aus. 
Bei der Vernachlässigung der Willenspädagogik von so hervor 
ragender Seite, bei der Zerstörung der Grundlage, auf der sie allein 
möglich ist, wodurch Verderben genug gestiftet werben muß, ist es eine 
Freude, daß es auch noch erleuchtete Pädagogen gibt, die dem Willen 
seine zentrale Kraft, seine selbständige Bedeutung im Geistesleben 
belassen, die die Bedingungen untersuchen, aus denen ein gutes und 
starkes Wollen hervorgehen kann, die dem Lehrer zeigen, wie er dem 
Kinde behilflich sein kann, zur Freiheit des guten und tüchtigen 
Wollens heranzureifen, und die namentlich auch dem Erwachsenen 
selbst helfen, sich die königliche Kunst des Wollens, d. h. die Kraft und 
Herrschaft des guten, tüchtigen Wollens, zu erringen. Neben F. W. 
Foerster verdient hier mit besonderer Auszeichnung Professor Martin 
Faßbender genannt zu werden, der uns eben ein treffliches Buch, 
„Wollen, eine königliche Kunst" in neuer Auflage darbietet. („Wollen, 
eine königliche Kunst, Gedanken über Ziel und Methode der 
Willensbildung und Selbsterziehung". Von Pwl. Da. Martin Faß 
bender, Geh. Regierungsrat. Zweite und dritte, umgearbeitete Auf 
lage. Freiburg im Breisgau 1916. Herdersche Verlagshandlung. 
Preis 2,60 Mark, geb. 3,40 Mark.) Ja, das Wollen ist Tugend, ist 
Tüchtigkeit, ist die Vollendung des inneren Menschen, ist die Grund 
lage für seine Leistungsfähigkeit an den idealen und praktischen Auf 
gaben des Lebens. Darum hat Willmann recht, wenn er das ge 
läuterte Wollen als den Gipfelpunkt aller Bildung bezeichnet. 
„Lebendiges Wissen und durchgeistigtes Können sind Erscheinungs 
formen gebildeten Wesens; aber die Erscheinung bleibt bloßer Schein, 
wenn jene sich nicht in geläutertem Wollen zusammen finden". 
(„Didiktik", 4. Aufl., S. 320.) Welchen Wert hat also ehr solches 
Wollen? Wo ist der Meister, der es uns lehrt, der uns den Zugang 
zu dieser „königlichen Kunst" des Wollens zeigt, nach der unser ganzes 
Innere sich sehnt? In Professor Martin Faßbender und seinem köst 
lichen Buche bietet er sich uns dar. 
Fr. W. Foerster macht darauf aufmerksam, daß rein wirtschaftlich 
genommen ein einsichtiger, treuer, tüchtiger Mensch einen gewaltigen 
Mut darstellt. Er eignet sich das Wort des österreichischen Technologen 
Prof. E. Hermann an: „Der Faktor Mensch bedeutet in der ^Wirtschaft 
weit mehr, als die bisherigen nationalökonomischen Systeme annehmen 
zu dürfen vermeinten . . . Die ökonomische Bedeutung der mensch 
lichen Persönlichkeit ist geradezu eine ganz ungeheuere, welche — von 
der Schule, der modernen Nationalökonomie unterschätzt worden ist". 
(„Christentum und Klassenkampf", S. 159.) 
Viel größer noch ist der Wert des Menschen, wenn man einen 
idealen Maßstab anlegt. Der Mensch in seiner vernünftigen, freien 
Geistesanlage stellt unzweifelhaft den Höhepunkt der uns umgebenden 
Welt dar. Die Ausgestaltung des Menschen zur Höhe der geistigen 
Vollkommenheit, auf die sein Wesen angelegt ist. ist darum nichts 
weniger als die Vollendung der irdischen Welt, der sichtbaren 
Schöpfung. Noch höher stellt sich der Wert der menschlichen Natur und 
Wesenheit dar, wenn wir auf das Ebenbild des Schöpfers sehen, das 
in ihr angelegt ist, und das der Mensch durch Ausbildung und Ver 
edelung seines Erkennens und Wollens zur Ausgestaltung bringen soll. 
Diese Ausgestaltung der hohen Vorzüge, die in der menschlichen Natur- 
angelegt sind, die Verwirklichung der menschlichen Ebenbildlichkeit mit 
der Weisheit und Güte Gottes, die dem Menschen als Ziel gesetzt ist, 
öoctium, 10. Juni 1816
	        

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