Full text: Pädagogische Woche - 16.1920 (16)

Eigensinn des Kolholiidien Lefirernerbondes, Proninz Westfalen. 
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I'reu dem 6laubev, 
treu dem Unterland. 
llr. 62. 
Bochum, den 19. November 1920. 
16. Jahrgang, 
Inhalt: Die allgemeine Volksschule. 
— Kann der katholische Lehrer die K. V. noch unterstützen? — Wirtschaftliche Fragen. - 
Dies und das. — Ve.cinsanzeigcn. — Anzeigen. 
— Aus den Vereinen' 
Die allgemeine Volksschule. 
Von Dr. Hermann Nolle, Seminaroberlehrer in Bautzen. 
2. Die soziale Einheitsschule. 
Bis niif 'den heutigen Tag iist die deutsche Volksschule ein 
einziges ungelöstes iProbicm. An zwei großen Mächten ist bisher 
Äer Versuch naiwnaler und sozialer Verelnheiilichung der elemen 
taren Volksbildung immer, wieder gescheitert: «n der Tatsache des 
K'lallenkanrpses und an dem Hindernis der Äo nse ss i>o n s spul tu ng. 
Dic'io Gegensätze, die unser Vtzlk zerklüften, sind seit dem ersten 
fohlgcschtagcnen ichuilpolitischen Einigungöoersuche nur noch wesent 
lich tws-er geworden. Die erstc! Roatrion, das Jahr 18*?, die zweite 
Reaktion. der Kulturkampf — sie alle haben die Volksschule immer 
wieder erschütlLrt. Dann brachten die neuen wirtschaftlichen Ver 
hältnisse den vierten Stand, den Stand der ^ndnstricarbeitcr, 
empor, dessen Interessen sich me'fjr und mehr von denen des libe 
ralen Bürgertums abspa'lietcn und der. in der international ge 
richteten Sozia'ldemotralie sich organisierend, den nationalen Ge 
danken des Bürgertums bekämpfte. Es sind nicht nur praktisch- 
potitiiche Programme, sondern Gegensätze der Weltanschauung und 
des Ethos, die die äußerlich zum Staate verbuudei.en Staude und 
blassen innerlich wieder voneinander trennen. Wohl schien das >ge- 
rneinsam erlebte' Schicksal des großen Krieges eine neue tiefere 
Einheit zu begründen, aber sein Verlauf und sein tragischer Aus 
gang haben unser Volk zuletzt nur noch hoffnungsloser und unheilvoller 
zerrissen, als es früher jemals gewesen ist. So hat die Idee der gemein 
samen Bottserziehung in der allgemeinen Volksschule ihre Feuerprobe 
zu bestehen unter erschwerendsten Bedingungen. 
Gegenüber dtchen Hemmnissen empfängt die Idee der ele 
mentaren Gemeinschaftserziehung ihre Kräft ans der zuerst in dem 
fvcchcitlichcn Mtnrrecht des 18. Iahöhunderts verkündeten, dann 
im Laufe des 19. auch tatsächlich errungenen. Gleichheit aller vor 
dem Gesetz. Aus diesem Rechtsboden leitet namentlich Georg 
SD e r s ch c n st e i n e r die Notwendigkeit einer allgemeinen staat 
lichen Elementarschule her. Der moderne Utechts- und Kulturstaat, 
der einerseits alle Beziehungen seiner Bürger nach den Grundsätzen 
d-cr Gerechtigkeit und Billigkeit regelt und 'andererseits,alle allge 
meinen Zwecke der Kultur in seine eigenen Zwecke aufgenommen 
hat, muß seine Erziohungscinrichlungen nach dem Grundsatz des 
gleichen Rechtes für alle gestalten. „Das ideale und unibestreitberre 
Recht des einzelnen ist es, nach Maßgabe seiner Erzieh:,ngssähig- 
kcit erzogen zu werden""). In Schul fragen hat kein Stand ein 
Anrecht auf eine Sonderstellung, ebensowenig der Besitz. Es steht 
im Widerspruch mit dem Geiste des Rechts- und Kulturstaates, 
„parallel der allgemeinen Pflicht schule unter dem Vorwand einer 
erweiterten Bildung, Sandersckjiilen einzurichten,. die nur einzelne 
nach Maßgabe ihrer besseren wirtschaftlichen Lage auf Grund be 
sonderen'Schulgeldes an Stelle der Pflichtschnle besuchen können'""). 
So verwirft K-erschcnsteiner jede Differenzierung der öffentlichen 
Hsflichtschule nach wirtschaftlichen oder sozialen Rücksichten als eine 
Verletzung der Idee des Rechts- und Knltnrftaates. 
Aber die rechtliche Anerkennung der allgemeinen Volksschule 
verbürgt noch nicht ihre tatsächliche Bewährung im Bildung sieben 
der Nation. Denn Recht und Gesetz bilden nicht die einzige Macht 
in: Völkerleben. Es piCit neben der Rechtsordnung tatsächliche 
Mächte, von denen die Schichtung der Gesellschaft abhängig bleibt, 
wag auch tausendmal der Grundsatz der allgemeinen Gleichheit und 
") Georg Kersckciistei'ner. Deutsche Schulernebung in Krieg 
und Frieden. 1916. S. 197. *°) A. st. O. S. 167 f. 
Gleichberechtigung aufgerichtet sein. Die soziale Schichtung, ur- 
iprünglich bestimmt durch das Hineingeborenwerden in die Klasse, 
ist zuletzt doch eine.uuaufhebbare Trennung, wenn sie auch heute 
durch andere Mächte mitreguliert wird, wie durch die alle Schran 
ken überwindende Kraft des Geldes oder die vom Staate an gewisse 
Bild rin gÄvege geknüpften Berechtigungen. Andererseits hat abeö 
gerade der ^taat das stärkste Interesse daran, daß die in seinem 
Schoße sich immer aufs neue erzeugende soziale Schichtung in ihrer 
trennenden Wirkung ausgeglichen lvcrde durch ein starkes Einheils- 
bewußtsein, das alle Glieder des Volkes umschließt. Für die Bele 
bung dieses zu seinem bloßen Dasein unenrbehrlichen Zusammen- 
gehovigkeitsgefü'hls richtet er seinen Blick auch auf die Schule. 
Der sozial einigenden Kraft der Gemeinschaftserziehung in der 
allgemeinen Volksschule steht die pädagogische Welt mit sehr verschiede 
nen Graden von Vertrauen gegenüber: RichardSeyfert — Frie 
drich Wilhelm Foerste r, Georg Kerschcusteiucr — 
Ferd. Jakob Schmidt, Aloys Fischer — Emil Ries, 
solche Gegensätze unter den führenden. Pädagogen mögen die 
Verschiedenheit der Standpunkte nur «Deuten. Selbst der Hinweis 
darauf, das; in der praktischen Erprobung die allgemeine Volksschule 
seg'nsvoll für die Annäherung der verschiedenen Schichten gewirkt habe, 
wie in der Schweiz, in Bayern, in Österreich, läßt man nicht recht 
gelten, insofern dort die soziale Struktur dem Problem nicht die Schärfe 
gebe wie in dem stark industrialisierten Deutschland. Jedenfalls ist es, 
wie der in schulpolitischen Dingen stets so vorsichtig urteilende Hugo 
G a u d i g sagt, „eine völlige Verkennung der wirtlichen Verhältnisse, 
die mau einem krassen Laien, nie aber einem Lehrer verzeihen kann, 
wenn die sozial günstige Wirkung der allgemeinen Volksschule arft das 
Gemütsleben der Kinder als ettvas Selbstverständliches, mit mechani 
scher Sicherheit Eintretendes angesehen wird".") Man darr die Augen 
nicht verschließen vor den mancherlei Hemmnissen, die in dem in den 
Kindern erwachenden Bewußtsein von den Unterschieden ihrer gesell 
schaftlichen und wirtschaftlichen Lage für die Erweckung des erstrebten 
Einheitsbewußtscins gegeben sind. Und wenn dieses Bewußtsein des 
Gegensatzes auch meist unbestimmt und wenig gefühlsbetont ist und — 
dank der Jugend der Seelen — gewiß nur selten von den Gefühlen der 
Selbstüberhebung, des Neides oder gar Hasses begleitet, so bildet es doch 
eine Tatsache, die in ihrer beeinträchtigenden Wirkung für die Ver- 
söhnungsbcmühmlgcn der Schule nicht schon durch das bloße Zusammcu- 
sitzeu der Kinder, dagegen wohl aber durch positive Arbeit der Schule 
wird aufgehoben werden können. Wird, wie Hugo G a u d i g fordert, 
das Leben des deutschen Volkes selbst der eigentliche Kulturinhalt der 
deutschen Volksschule, und gestaltet diese, in Zukunft mehr als bisher, 
alle gemeinschaftbildenden Lebensbeziebungen aus, gibt sie namentlich 
der Schulklasse die Bedeutung einer Arbeitsgemeinschaft, einer Spiel- 
gemeinschaft, einer feiernden Gemeinschaft, einer Verkehrsgemeinschaft, 
einer Erlebens- und Schicksalsgemeinschaft,"') dann wird aus solchen 
durch Jahre treu und verständnisvoll fortgesetzten Bemühungen zuletzt 
doch wohl eine gewisse soziale Annäherung hervorwachsen. Freilich 
werden auch diese Früchte der Schularbeit und des Sckmllebens nicht 
mehr als eine Art Naturnnterarund für die möaliche Entfaltung wahrer 
sozialer Gesinnung bereiten können, deren sicherer Besitz znlcut doch 
immer erst das Ergebnis reiferer Entwicklung und tiereren Knlturver- 
ständnisses sein kann. Aber auch diese erste Anbabnung eines gegen 
seitigen Perstehens wäre doch schon ein wichtiger Schritt vorwärts auf 
dem schwierigen und bindernisreichen Wege der Milderung und Aus 
gleichung der^sozialen Gegensätze. 
") Hugo Gaudig. Deutsches Volk — Deutsche Schule. 1917. S.132. 
") A. a. O. S. 131 ff.
	        

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