Full text: Pharus - 6.1915, Halbjahrband 1 (6)

Rundschau. 
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menschlichen Geisteslebens ist, und zwar 
soll er 
1. über bloße Tatsachenkenntnis hinaus, 
die jedoch dafür die unerläßliche Vor 
aussetzung bildet, Verständnis für die 
Eigenart und den Zusammenhang ge 
schichtlichen Lebens erwecken (historischen 
Sinn), 
2. die zu solchem Verständnis führende 
eigentümliche Art des historisch - gene 
tischen Denkens anregen und üben (histo 
risches Denken), 
3. die in der Geschichte wirksamen 
Kräfte kennen und in ihrer Bedeutung 
für den einzelnen und die Gesamtheit 
richtig bewerten lehren (historisches 
Urteil), 
4. den freudigen Willen wecken und 
kräftigen zur eigenen Mitarbeit an den 
Kulturaufgaben der Menschheit inner 
halb der naturgegebenen Lebenskreise 
(historischer Wille, soziale und staats 
bürgerliche Erziehung). 
II. 
Sodann erörtert er (S. 17 f.) folgende 
Gedanken, die Gegenwartsbedeutung 
haben: 
Nachdem wir den Patriotismus als 
Zweck des Geschichtsunterrichts abgelehnt 
haben, wollen wir um so nachdrücklicher 
betonen, daß wir ihn bei jedem Geschichts 
lehrer als selbstverständliche Ueber 
zeugung voraussetzen. Furchtbare Schick 
sale haben uns gelehrt, daß die Liebe 
zu Volk und Vaterland keine heroische 
Schwachheit ist, sondern eine Naturnot 
wendigkeit, entsprechend der Tatsache, 
daß die Entwicklung der Menschheit sich 
im Rahmen völkischer Sonderart voll 
zieht, und daß auch den höchsten Idealen 
am leichtesten nahekommt, wer sie in den 
vertrauten und verständlichen Formen 
nationaler Besonderheit zu erreichen 
sucht. Es soll eine kritische Liebe sein, 
keine blinde Affenliebe, frei von flacher 
Selbstgefälligkeit und prahlerischem Dün 
kel, wie sie sich jetzt auch bei uns, zumal 
in der Presse und bei patriotischen Festen, 
oft so geschmacklos und abstoßend breit 
machen; eine Liebe, wie die gewissen 
hafter Eltern, die auch zürnen und strafen 
kann, die immer in die Zukunft blickt 
und das Wort „Deutschland allezeit 
voran in der Welt" nicht als eine wohl 
verdiente Zensur auffaßt, sondern als 
einen vorwärtstreibenden, strengen Be 
fehl. Im Geiste dieser geläuterten 
Liebe zu Volkstum und Vaterland soll 
auch der Geschichtsunterricht erteilt 
werden. Er wird nichts vertuschen, nichts 
verfälschen, chauvinistischer Eitelkeit nicht 
das kleinste Wahrheitsopfer bringen 
— das wäre so undeutsch wie möglich —, 
aber ohne alles begeisterte Predigen 
über deutsche Vorzüglichkeit, das nur 
ermüdet und zum Widerspruch reizt, 
dennoch erreichen, daß deutsche Art der 
Jugend nicht nur vertraut, sondern auch 
lieb wird und daß dem Vaterland und 
den Volksgenossen zu dienen als hohe 
Pflicht und Ehre zugleich gilt. 
Der Krieg in der Schule. 
Die Berliner Schuldeputation hat 
Schülern und Schülerinnen Gelegenheit 
gegeben, ihre Vorstellung über den jetzigen 
Krieg und alles, was zum Krieg gehört, 
zeichnerisch zum Ausdruck zu bringen. 
Diese Arbeiten, die in der Woche vom 
l.bis 6. März angefertigt wurden, werden 
der späteren Generation einen wichtigen 
Anhalt über den Anschauungskreis der 
Jugend in kriegerischer Zeit geben. Die 
besseren Arbeiten sollen der Schuldepu 
tation eingesandt werden. 
Die Zeitereignisse im Schulunterricht. 
Die Schulen in Sachsen-Altenburg 
haben vom Kultusministerium die Wei 
sung erhalten, mindestens einmal in jeder 
Woche in geeigneter Form, nötigenfalls 
unter Zurückstellung des eigentlichen 
Lehrstoffes, die jeweiligen wichtigsten 
Geschehnisse der Jugend zu Gemüte zu 
führen. In erster Reihe soll der Un 
terricht im Deutschen, in der Religion 
und Geschichte benützt werden, um das 
Verständnis für die Leistungen und Opfer 
von Heer und Flotte zu wecken. 
ttriegsbesprechungen in den franzö 
sischen Schulen. 
Der französische Unterrichtsminister 
Sarraut hat anbefohlen, daß die tägliche 
erste Unterrichtsstunde dem Kriege ge 
widmet werde. Der Erlaß besagt unter 
anderem folgendes: „Ich wünsche, daß 
an dem Tage der Wiedereröffnung der 
Schulen die ersten Worte des Lehrers 
an die Schüler aller Klassen deren Ge-
	        

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