Full text: Pharus - 6.1915, Halbjahrband 2 (6)

Vas Wesen der Selbsttatigkeit. 
von Universitäts-Professor vr. Uneib, lvürzburg. 
I. 
von Kunst und Lebensgestaltung redet, wer vom Willen zum Herrschen, 
4^/ der redet entweder Sinnloses oder er betont wirklich den Unterschied 
zwischen Person und Natur, Person und Person und persönlicher Tätigkeit. 
Gar manchem ist beides Philosophie, dann nämlich, wenn man mit beidem 
scheinbar geistreich sich befassen kann. Daß wir diese Unterschiede betonen, ist 
klar; denn von einer Freiheit des Willens zu reden, ohne eine Willens 
tätigkeit anzunehmen, wäre ein Unding. Daß es solche Philosophen gibt, 
soll uns weiter nicht stören. Denn in diesem Punkte darf man sich auf 
Kräftiges gefaßt machen, was sonst auch unfaßbar genannt wird. Will man 
schon von Haus aus Urfeind des Metaphysischen sein und zwischen Ding und 
Tätigkeit nicht unterscheiden, so nimmt man statt „Tätigkeit" das Wort 
„Phänomen" und hat zudem das beliebte Fremdwort, was der Sache ein 
mehr wissenschaftliches Ansehen gibt. Aber — Ding und Phänomen — 
warum nicht Ding und Tätigkeit? Ding und Tätigkeit, Selbst und Selbst 
tätigkeit! Warum soll es nun diese Unterscheidungen nicht in Wirklichkeit 
geben? Es ist merkwürdig! Viele, und darunter gerade große Geister, 
sprechen: „Wir haben Großes getan" — „Wertvolles vollbracht", aber sie 
erkennen einen wirklichen Unterschied zwischen einem „Selbst" an ihnen und 
etwas Großem und Wertvollem als dem, was dieses „Selbst" oder „Ich" 
gewirkt hat, nicht an. Es erscheint das nur so (es ist nur Phänomen), wie 
es nur scheint, als ob die Sonne sich um die Erde drehe, tatsächlich aber 
die Erde um die Sonne sich bewegt. 
Nun ist es ja wahr, daß wir die Bewegung vertauschen und diesen 
Fehler also machen, aber daß wir deswegen auch so weit gingen, über 
haupt mit Unrecht zwischen Körper und Bewegung zu unterscheiden, folgt 
daraus nicht. Das ist doch etwas ganz anderes. Und den Unterschied gar 
übersehen zwischen dem „Selbst" (dem „Ich") und seinem Tun, das wird 
man noch viel weniger tun. Denn hier sind Erkennendes und Erkanntes 
enger verbunden. Wer wird wohl die Erkenntnis dessen leugnen wollen, 
was man für gewöhnlich Gedanken nennt. Es ist ein Erfassen von etwas 
um dessentwillen, was es ist, um dessentwillen, was es in sich enthält. Es 
ist zugleich ein Erfassen des Erfassens. Und damit zeigt sich eine Er 
scheinung, welche aus Stoff und Stoff oder stofflicher Tätigkeit nicht erklärt 
werden kann. Ein Umfassen seiner selbst ist nur Tätigkeit eines Feinsten. 
Ein Ausgedehntes aber kann als Feines doch nur wieder ein aus Teilen 
Zusammengesetztes sein, sind die Teilchen auch noch so klein. Durch Teilung 
von Feinem dieser Art kann immer nur Ausgedehntes werden, niemals aber 
Feines in wahrem Sinn. 
Was ich soeben als Denken bezeichnet habe, kann nur bewirkt werden von 
etwas, was fein und selbständig ist. Nur etwas, was derartig fein ist, kann 
Pharus VI, Bd. 2, H. 8. 7
	        

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