Full text: Pharus - 7.1916, Halbjahrband 1 (7)

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PharuS VH, Bd. 1, H. 2. 
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Sie Triebkräfte der Zugendbildung. 
von Dr. fjcrmonn vimmler, München. 
1. 
(sTser Pädagoge hat ein Bildungsideal erarbeitet; seine Ausgabe ist es, die heran- 
^ reifende Seele diesem Ideal zuzuführen. Es ist an sich nicht notwendig, daß 
die Seele, welche er führt, das Ziel kennt, dem sie zugeführt wird. Es genügt, 
wenn der Führer dem Zögling nur den nächsten Schritt zeigt, welcher auf dem 
Wege zum Ziele liegt. Der Zögling lernt Lesen und Schreiben, ohne daran zu 
denken, daß er dadurch instand gesetzt wird, mit seinen Bekannten und Verwandten, 
mit seinen Kunden schriftlich zu verkehren, seine Bücher zu führen, Bücher und 
Zeitungen zuwiesen. Das Kind kämpft gegen Lüge, Diebstahl, Unkeuschheit an, 
ohne sich des weltlichen- und überweltlichen Zieles, dem dieser Kampf dient, voll 
bewußt zu werden. An die Stelle der Einsichten und Triebfedern, durch welche 
das Handeln der Erwachsenen bestimmt wird, tritt beim Kinde der blinde Gehorsam 
gegen den Erzieher. 
Ueber diese, der selbstherrlichen Zeitströmung nicht sehr sympathische, seelische 
Tatsache, dürfen wirs nicht hinwegsehen, wenn wir den Boden der Wirklichkeit nicht 
unter den Füßen verlieren wollen. Tiefblickende Beurteiler des menschlichen Lebens 
behaupten sogar, daß auch die verwachsene Menschheit einer unverlierbaren Not 
wendigkeit unterliegt, geführt zu werden. In diesem Führungsbedürfnis liegen die 
Grenzen der Demokratie, dies Grundlagen der Monarchie. In der Bereitwilligkeit, 
sich führen zu lassen, liegen die großen sozialen und politischen Entwicklungs 
möglichkeiten eines Volkes. Die Schule erfüllt einen bedeutungsvollen Staatszweck, 
wenn sie die Bereitwilligkeit, sich ein- und unterzuordnen, in die Volksseele hinein 
pflanzt. Diese Tatsache kann uns über manche Differenzen, welche bei der inhalt 
lichen Bestimmung des Lernzieles auftauchen, hinwegtrösten. Die Schuldisziplin 
ist bis zu einem gewissen Grad Selbstzweck; sie ist nicht ausschließlich durch die 
Erreichung oder Nichterreichung desILernzieles motiviert. Der Mensch ist, so wie 
wir ihn Heute brauchen, ein soziales Wesen. Er hat sich in eine ganz gewaltig 
angewachsene Masse von Menschen einzuordnen, und diese Einordnung will gelernt 
und anerzogen sein! 
Die Psychologie des Gehorsams verdient daher die eingehendste Beachtung des 
Pädagogen. 
Die primitivste Grundlage des Gehorsams ist die physische Gewalt, welche dem 
Lehrer und Erzieher zur Verfügung steht. Die Wirkung dieses allerletzten Behelfs 
mittels geht nicht weiter, als das Auge des Erziehers reicht. Dieser kann nicht 
ununterbrochen die ganze Klasse im Auge behalten; er muß die Schüler nach Hause 
entlasten; hier kann die Aufsicht erst recht keine vollkommen lückenlose sein; am
	        

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