Full text: Pharus - 7.1916, Halbjahrband 1 (7)

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Pharus VII, Bd. l, H. 5. 
Zreideutsche oder christliche Jugendkultur? 
von Geist!. Rat Professor Dr. Hoffmann, München, 
einem Teile der studierenden Jugend herrscht seit der Gründung des 
^ Wandervogels (1901) ein tiefgehendes, stürmisches Streben, zu einem „neuen 
Lebensstil" zu gelangen, eine „neue Schönheitsform des Lebens" auszubilden. 
Man will eine „neugeartete Jugend" werden, die ihr eigenes Recht, ihr eigenes 
Leben, ihre eigene Schönheit fordert, ein „Geschlecht, das besser ist als das jetzige", 
denn die „junge Generation denkt anders, als die alte denkt oder je gedacht hat". 
Damit soll eine Verjüngung der gesamten Kultur erreicht werden. Diese Wünsche 
und Bestrebungen haben in der freideutschen Jugend Gestalt gewonnen." Ihre 
Ziele sind kurz ausgesprochen in den Aufrufen zu dem Tage auf dem Hohen 
Meißner am 11. und 12. Oktober 1913. In dem zweiten heißt es: 
„Die Jugend, bisher nur ein Anhängsel der älteren Generation, aus dem öffentlichen 
Leben ausgeschaltet, beginnt, sich aus sich selbst zu besinnen. Sie versucht, unabhängig von 
den Geboten der Konvention, sich selbst ihr Leben zu gestalten. Sie strebt nach einer 
Lebensführung, die jugendlichem Wesen entspricht, die es ihr aber auch zugleich ermöglicht, 
sich selbst und ihr Tun ernst zu nehmen und sich als einen besonderen Faktor in die all 
gemeine Kulturarbeit einzugliedern" („Freideutsche Jugend", Jena 1913, S. 4). 
Es wurde ein Schlagwort geprägt, das die neue Strömung ausdrücken soll: 
„Jugendkultur". Whneken ist sein Urheber. Die vorausgehend angeführten 
Worte des Aufrufes zum Hohen Meißner-Tag geben den Inhalt dieses Wortes. 
Whneken erläutert näher seinen Sinn: 
„Die deutsche Jugendkultur hat kein Programm wie eine Partei, sie ist kein Erstens, 
Zweitens, Drittens, sondern sie ist eine Idee und leistet den Dienst einer Idee, indem sie 
unserem ganzen Handeln Ziel und Richtung gibt". „Kultur ist eben eine Einheit, ein 
einheitliches Empfinden, ein Ziel, ein Instinkt, der sich schöpferisch äußert" („Was ist 
Jugendkultur?" München 1914, S. 27 ff.) 
Die Bildung und Betätigung der Jugend in der christlichen Vergangenheit und 
Gegenwart kannte und kennt das Wort „Jugendkultur" nicht; doch was es besagt 
und will, war dagewesen und ist da, allerdings mit wesentlichen Abweichungen in 
einzelnen Momenten. Wohl hat der große Weltkrieg eine Pause in der Bewegung 
herbeigeführt, dennoch erscheint eine Gegenüberstellung der freideutschen 
Jugendkultur und der christlichen aktuell. Dabei darf gelten, was Rüster 
bemerkt: 
„Also ist Anlaß gegeben, die Entwicklung zu verfolgen mit einem wachen Auge und mit 
einem wahrheitsliebenden Sinn, der ebenso offen für werdendes Gut sich hält, wie er ein 
gedenk bleibt des alten überkommenen Wächteramtes für erprobtes Gedankengut, das wir 
1 Pharus, Juni 1914, S. 531 ff., „Jugendreifung" (Chefredakteur Weber), hebt besonders 
die Frage der Angliederung der Jugend an die ältere Generation hervor und würdigt 
Whneken psychologisch; Pharus, November 1914, S. 325 ff., „Jugendgärung" (H. Rüster) gibt 
den Verlaus der Bewegung nach den äußeren Ereignissen und der inneren Entwicklung. 
Vergl. Pharus, Sept. 1915 S. 228 ff. („Die Jugenderziehung im Wandervogel").
	        

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