Full text: Pharus - 8.1917, Halbjahrband 1 (8)

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Pharus V1U, Bd. l, H. 4. 
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Die Liturgie und die psychologischen Gesetze -er 
gemeinsamen Betenr. 
Ein Beitrag zur religiösen Zozialpadagogik. 
Von Dr. R. Guardini, Mainz. 
I. 
/^in alter theologischer Satz sagt: „Die Natur und die Gnade tun nichts 
umsonst." Natur und Gnade haben ihre Regeln. Es gibt bestimmte 
Voraussetzungen, unter denen das natürliche und über 
natürliche Geistesleben gesund bleibt, wächstundreich wird. 
Im Einzelfall mögen diese Regeln ohne Gefahr übertreten werden, wenn 
irgendeine starke Seelenbewegung, eine große Notlage, eine besonders 
geniale Veranlagung, ein großer Zweck oder sonst etwas Aehnliches es 
rechtfertigt oder entschuldigt. Ans die Dauer aber geschieht das nicht 
ungestraft. Gleichwie das Leben des Körpers verkümmert oder krank 
wird, wenn die Vorbedingungen seines Wachstums auf die Dauer nicht 
beachtet werden, so ergeht es auch dem Leben des Geistes und der Religion: 
Es wird krank, verliert seine Frische, Kraft und Einheit. 
Das gilt ganz besonders dann, wenn es sich um das regelmäßige 
religiöse Leben einer Gemeinschaft handelt. Im Leben des 
Einzelnen hat die Ausnahme trotz allem noch einen größeren Spielraum. 
Sobald aber die religiöse Betätigung einer Mehrheit in Frage steht, sobald 
es sich also um objektive Einrichtungen, Uebungen, Formulare handelt, 
die das ständige gemeinsame Andachtsleben ordnen, dann ist es eine 
Existenzfrage für dieses Gemeinschaftsleben, ob die Grundgesetze des ge 
sunden natürlichen und übernatürlichen Lebens darin beobachtet werden 
oder nicht. Denn hier dreht es sich nicht um Formen des religiösen Ver 
haltens, die nur einem augenblicklichen Bedürfnis genügen sollen, sondern 
um bleibende Einrichtungen, die fortwährend ihren Einfluß auf die religiöse 
Seelenverfassung ausüben. Sie sollen nicht einem ganz individuell ge 
stalteten Seelenzustand Ausdruck geben, sondern dem normalen, religiösen 
Leben des Alltags gerecht werden. Sie stellen nicht die religiöse Lebens 
form eines bestimmt veranlagten Menschen dar, sondern einer aus den 
verschiedensten Individualitäten zusammengesetzten Gesamtheit. So ist es 
klar, daß sich jeder Strukturfehler mit unausweichlicher Notwendigkeit 
durchsetzen wird. Anfangs wird er wohl noch durch die konkreten 
Bedingungen, Erregungen, Bedürfnisse verdeckt, welche die betreffende Form 
religiöser Betätigung entstehen ließen. Je mehr diese aber verschwinden 
und die normale Seelenlage hergestellt wird, desto stärker wird jeder 
innere Fehler zum Durchbruch kommen, in die Breite und Tiefe wirken. 
Es wäre also von Bedeutung für die religiöse Sozialpädagogik, die 
Grundbedingungen des gesunden, natürlichen religiösen Lebens zu kennen.
	        

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