Full text: Pharus - 8.1917, Halbjahrband 1 (8)

Bücherschau. 
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Regungen haben immer eine gewisse seelische Wärme. Sie sind ihrem allgemeinen 
Wesen nach als Gefühle anzusprechen. Von den Gefühlen der Lust und Unlust unter 
scheiden sie sich aber wesentlich dadurch, daß sie zentrifugale Strömungen sind. Ihrem 
spezifischen Wesen nach sind sie deshalb zentrifugale Gefühlsströmungen. Die zentri 
fugalen Gefühlsströmungen sind der eigentliche Lebensfaden der aktuellen Gesinnungen. 
Als Abarten der aktuellen Gesinnungen stellt Pfänder die unechten, schwebenden, nieder 
gehaltenen und ästhetischen Gesinnungen fest. Der Abschnitt über die unechten Ge 
sinnungen wird die Pädagogen besonders interessieren. Das unecht Seelische gehört ja zu den 
alltäglichen Dingen. Pfänder macht darauf aufmerksam, daß die unechten Gesinnungen 
mit Lüge und Täuschungen nichts zu tun haben. Sie sind keine aktuellen Gesinnungen, 
sondern bloße Vorzeichnungen oder schemenhafte Nachahmungen derselben. Das letzte 
Kapitel handelt von den aktuellen Gesinnungsregungen und dem psychischen Subjekt. Sie 
sind zentrifugaler Natur, d. h. sie gehen vom Subjekt aus und zu ihrem Gegenstand hin. 
Pfänders Gefühlstheorie dürfte das Wesen der Gesinnungen kaum erschöpfen. 
Freilich gehören Gefühle zu ihrem Wesen. Aber Gefühle machen nicht das ganze 
Wesen der Gesinnungen aus. Es zeigt von einem feinen psychologischen Empfinden, 
wenn Pfänder die Gesinnungen nicht schlechthin mit den Gefühlen von Lust und Unlust 
identifiziert. Der Ausdruck „zentrifugale Strömung" trifft den Kern der Sache. Aber 
die zentrifugalen Strömungen bestehen nicht ausschließlich aus dem Gefühlsstoff, wie 
Pfänder glaubt, sondern in einer Strebeform. Mit Unrecht macht Pfänder den Versuch, 
die Gesinnungen von den Willensrichtungen zu unterscheiden. Die Gesinnungen wurzeln 
nicht in den Gefühlen, sondern sie liegen viel tiefer. Die Gefühle sind bloße Begleit 
erscheinungen der Gesinnungen, die aus dem Strebevermögen herauswachsen. Sie sind 
ohne Zweifel mit dem Habitus des Willens aufs engste verwachsen. Auch mit dem 
Interesse und der Wertschätzung stehen sie in naher Verwandtschaft. Mit dieser Auf 
fassung ist für den Pädagogen sofort auch der feste Punkt gegeben, wo er mit der Bil 
dung und Erziehung der Gesinnungen einzusetzen hat. Die Besprechung von Pfänders 
Schrift gibt mir Anlaß, darauf hinzuweisen, daß die bloße Bewußtseinspsychologie das 
Wesen des Psychischen nicht in seiner ganzen Tiefe zu erfassen vermag. Auch für die 
Erfassung des Erziehungsprozesses hat die Bewußtseinspsychologie nicht die Bedeutung, 
die ihr gewöhnlich beigemessen wird. Auch die Pädagogik verlangt nach einer tiefer 
fundamentierten Psychologie. 
Die an psychologischen Beobachtungen reiche Schrift Pfänders wird Psychologen und 
Pädagogen viele Anregungen bieten. 
Beßmer nimmt vom scholastischen Standpunkt aus Stellung zu einem der schwie 
rigsten und umstrittensten psychologischen Problem, nämlich zum Willensproblem. Die 
Ansichten der modernen Fachpsychologen gehen hier nicht bloß sehr weit auseinander, 
sondern sind vielfach auch recht unklar und widerspruchsvoll, sowie mit den Tatsachen der 
Erfahrung nicht selten unvereinbar. Das ist schon für die Psychologie recht mißlich, noch 
mehr aber für die Pädagogik. Die Willensbildung ist die Hauptaufgabe der Erziehung. 
Der Pädagoge braucht deshalb unbedingt klare und richtige psychologische Erkenntnisse 
vom Willensleben. Die moderne Psychologie kann dieselben nicht darbieten, da sie im 
Willen nichts Ursprüngliches und Spezifisches sieht. Der Wille wird in Vorstellungen, 
Gefühle oder Empfindungen aufgelöst. Auf der modernen Bewußtseinspsychologie kann 
keine brauchbare Willenspsychologie und Willenspädagogik aufgebaut werden, sondern 
nur auf jener Psychologie, die auf den Prinzipien der Philosophia perennis fußt. Die 
Scholastik blieb vor den verhängnisvollen Irrtümern der modernen Willenspsychologie 
bewahrt, weil sie nie die Metaphysik aus der Psychologie verbannte. Einsichtsvolle 
Psychologen der Gegenwart, welche auf den tieferen Grund der Sache sehen, fordern 
deshalb gebieterisch eine Vertiefung der Psychologie durch die Metaphysik. W. Stern,
	        

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