Full text: Pharus - 9.1918 (9)

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Zum Problem der Einfühlung. 
Von Dr. Matthias Seiner, Donauwörth. 
D er Begriff der Einfühlung wurde von der Romantik geprägt. Fr. Bischer 
hat chn zur Erklärung des Schönen verwendet. Auch von Lotze ist 
er als Ursache des ästhetischen Gefallens betrachtet worden. Von neueren 
Aesthetikern, wie Robert Bischer und Johannes Volkelt, besonders aber 
von Theodor Lipps, wird er in den Vordergrund der ästhetischen For 
schung gestellt. Theodor Lipps betrachtet ihn sogar als den Grundbegriff 
der Aesthetik. Sein ästhetisches System ist ganz und gar auf diesem 
Begriff aufgebaut. Lipps hat auch das Verdienst, am tiefsten in das 
psychologische Wesen der Einfühlung eingedrungen zu sein. Von allen 
Psychologen und Aesthetikern hat er das Beste über die Einfühlung zu 
schreiben gewußt. 
Der Begriff der Einfühlung ist aber keineswegs auf das Gebiet der 
Aesthetik beschränkt, sondern er ist ein allgemein psychologischer Begriff. 
Heute spielt er in der ganzen philosophischen Literatur eine bedeutsame 
Rolle. Selbst in die Pädagogik hat er bereits Eingang gefunden. 
Joh. Volkelt hat im Oktoberheft 1917 der von Professor Rein heraus 
gegebenen „Vierteljahrsschrift für philosophische Pädagogik" einen aus 
gezeichneten Aufsatz über „Pädagogische Einfühlung" veröffentlicht. Wir 
befassen uns zunächst mit der Psychologie der Einfühlung; dann wollen 
wir die Bedeutung dieses Begriffes für die Pädagogik untersuchen. 
I. 
Mit dem Worte Einfühlung wollen wir zunächst ganz allgemein sagen, 
daß in einem sinnlich wahrnehmbaren Gegenstand seelisches Leben liegt. 
So liegt in der Marmorstatue seelischer Schmerz, in dem Gemälde heitere 
oder melancholische Stimmung, in der Gebärde Trauer oder Stolz, in 
der Natur Aufregung. Schmerz, Heiterkeit, Melancholie, Trauer, Stolz 
und Aufregung sind seelische Erlebnisse, die ich den sinnlichen Gegenständen 
zuschreibe, weil sie für meinen unmittelbaren Eindruck darin liegen. Es 
liegt also für meinen unmittelbaren Eindruck etwas Seelisches in einem 
Gegenstand. Statt dieses Ausdrucks kann ich aber auch einen anderen 
gebrauchen. Ein sinnlicher Gegenstand drückt etwas Innerliches oder 
Seelisches aus. So drückt eine Gebärde Trauer oder Stolz, eine Figur 
eineu Affekt oder seelische Ruhe aus. 
Wie komme ich dazu, in diesen Gegenständen seelisches Leben zu sinden? 
Wenn in einer Gebärde Trauer oder Stolz liegt, so sehe ich weder von 
Trauer noch von Stolz etwas. Was ich sehe, sind lediglich gewisse körper 
liche Formen, Veränderungen und Bewegungen. Ich finde seelisches 
By 
Pharus IX, Bd. 1, H. 1/2. 
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