Full text: Pharus - 9.1918 (9)

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Pharus IX, Bd. I, H. 5/6. 
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H. w. Zoersters Stellung zum Christentum. 
Von Domdekan Or. Kiesl, Regensburg. 
3 n unübertrefflicher Weise zeichnet O. Willmann das christliche Ideal 
für die ethische Konzentration des Bildungsinhaltes, also für jenes 
Ziel, welchem auch F. W. Foerster* sein Lebenswerk widmet. Willmann 
teilt im Anschluß an Herbart den Bildungsinhalt in Zonen oder Ringe, 
die sich um einen gemeinsamen Mittelpunkt legen. Dieser Mittelpunkt 
ist der sittlich-religiöse Zweck, und der ihn zunächst umschließende psychische 
Ring ist jenes Gebiet des Bildungsinhaltes, welches das Gemüt bis zur 
Hingebung erwärmen kann und soll, während die zweite Zone jene 
Bildungsinhalte umfaßt, die dem Geiste ideale Momente zuführen und 
im Gemüte die Teilnahme zu Pflanzen vermögen und die dritte Zone 
das bloße Wissen und Können einschließt, welches das Gemüt nur in 
vermittelter Weise erreicht. Die erste Zone, die uns hier allein interes 
siert, vereinigt nach Willmann ein doppeltes Element, das religiöse und 
zugleich das heimatlich-vaterländische, die ewige Heimat des Gottesreiches 
und die natürliche, geschichtliche Heimat, welche ebenfalls mehr als ein 
Gegenstand des Interesses und der Teilnahme ist, nämlich ein Gut, dem 
sich das Verlangen der Seele zuwendet und der Boden, in welchen 
sich die Wurzeln des sittlichen Bewußtseins unmittelbar 
einsenken. Unsere deutsche Nationalliteratur bis hinauf in ihre ersten 
Wurzeln gibt ein rührendes Zeugnis von dieser innigen Verschmelzung 
des christlichen und des nationalen Elementes in unserer Volksseele sDi- 
daktik, 2. Auflage, II, 198 f.). 
Wer dem Schrifttum Foersters, welches eine unbestritten glänzende 
Feder mit literarischen Reizen ausgestattet hat, die in friedlichen Zeiten 
des Erfolges sicher sind, auf den tiefsten Grund gesehen hat; wer dabei 
wahrgenommen hat, bis zu welchem Grade dieses Schrifttum eine Ver 
pflanzung anglo-amerikanischer Geisteskultur auf deutschen 
Boden sich zum Ziele setzt, der mußte gespannt sein, in welcher 
Weise dieses Schrifttum die Krisis des Weltkrieges bestehen würde. Wenn 
es wahr ist, was W. Wundt in seiner Schrift „Die Nationen und ihre 
Philosophie" so eindringlich darstellt, daß der Krieg mehr noch ein Kampf 
der Geister als der Waffen ist, und daß in diesem Kriege Idealismus 
(im weiteren, klassischen Sinne) und Empirismus die obersten Schlachten- 
' Ich zitiere Foersters „Jugendlehre" nach der Ausgabe „76.—80. Tausend", 1917, 
„Schule und Charakter" nach der 12. Auflage, die übrigen Schriften nach der ersten 
Auflage.
	        

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