Full text: Pharus - 1.1910, Halbjahrband 2 (1)

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katholische Monalschrist 
für Orientierung in der gesamten Pädagogik 
9. lieft 1910 II — September — || 1. Jahrgang 
Nacktkultur und Erziehung. 
von Universitäts-Professor Dr. Zranz Walter, München. 
n eben dem hygienischen Zweck, dem Schutz vor den Einflüssen des Klimas 
und der Atmosphäre, hat die Kleidung vor allem eine ethische Be 
deutung. Der moralische Zweck ist Schutz der Schamhaftigkeit, die Ver 
hüllung des Tierischen am Leibe. Ja dieser Zweck scheint dem utilitarischen 
Zweck des Schutzes gegen Kälte und Feuchtigkeit gegenüber die wichtigere 
Rolle in der Bekleidung zu spielen. „In Klimaten, welche der Wärme- 
Oekonomie des Menschenleibes günstige Bedingungen bieten, beschränkt sich 
die Bekleidung der körperlich arbeitenden Menschen meist auf eine Umhüllung 
der Schamgegend, wofür ein hygienischer Instinkt kaum in Anspruch genommen 
werden kann."* * 
Die moderne Nacktkultur erklärt der Kleidung den Krieg und bestreitet 
den innern Zusammenhang zwischen Kleidung und Schamgefühl. Sie tut 
dies, indem sie einerseits das Schamgefühl selbst als etwas unserer Natur 
Fremdes, zu ihr von außen Hinzugefügtes betrachtet, oder aber bei aller 
Anerkennung eines natürlichen Schamgefühles die Notwendigkeit der Beklei 
dung als eine daraus sich ergebende Forderung in Abrede stellt. Der moderne 
ethische Evolutionismus, der keine absolute sittliche Wahrheit anerkennt, hat 
insbesondere aus dem teilweisen oder gänzlichen Mangel der Kleidung bei 
manchen Naturvölkern den Schluß gezogen, daß Kleidung und Sittlichkeit 
ursprünglich nichts miteinander zu tun haben, daß das Schamgefühl dem Zu 
stande der unverfälschten Natur unbekannt und lediglich eine „Errungenschaft" 
der fortgeschrittenen Kultur sei. Nach Fore? wäre das Schamgefühl nicht 
die spontane Aeußerung eines angeborenen Triebes, sondern lediglich Produkt 
der Gewöhnung: Es sei etwas dem Menschen Anerzogenes. Der Gegen 
stand des Schamgefühles sei etwas rein Konventionelles, während doch der 
Mensch keinen Grund habe, sich irgendeines Teiles seines Körpers zu schämen. 
* Weyl, ,Handbuch der Hygiene', I, 361. 
* ,Sexuelle Frage', S. 116. 
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