Full text: Pharus - 1.1910, Halbjahrband 2 (1)

Rundschau. 
:: 563 :: 
eine Abspeisung von Kindern statt. Die 
Sparkassenbücher werden zunächst vom 
Bezirksamt oder Forstamt verwaltet und 
werden dem Beschenkten mit Zinsen und 
Zinseszinsen bei erreichter Großjährigkeit, 
den Mädchen eventuell schon bei etwaiger 
früherer Verehelichung, ausgehändigt. 
Der auf das Wohl der Kinder ge 
richtete Sinn des greisen bayerischen 
Regenten ist sehr erfreulich, umsomehr 
als er Anlaß dazu wurde, daß die große 
Jubiläumsspende des bayerischen Volkes, 
die zum 90. Geburtstag des Regenten 
vorbereitet wird, Jugendfürsorge 
zwecken nutzbar gemacht wird. 
Schulplauderstunden. 
Die Korrespondenz des Katholischen 
Lehrerverbandes Deutschlands' schreibt: 
„Schuß auf Schuß folgen Neu-Ein 
führungen und Neu-Anforderungen in 
der Schule. Kaum haben wir uns (in 
Preußen) von dem ersten Schreck über 
die neue dritte Turnstunde etwas erholt, 
so wurden die Atemübungen für die 
Kinder beschert und nun hört man schon 
wieder etwas läuten von der Einführung 
einer Plauderstunde in den Stunden 
plan. Wie eben bekannt wird, haben 
preußische Schulbehörden bei einer An 
zahl von Volksschullehrern eine Rund 
frage veranstaltet, ob sich's empfehle, 
obige Neueinführung vorzunehmen. Man 
denkt sich die Sache so: In dem eigent 
lichen Unterricht müssen Lehrer und 
Schüler sich abhasten und abhetzen, um 
nur das Unterrichtsziel zu erreichen. 
Für ein vertrauliches „Ausplaudern" 
fehlt da die Zeit. Dieser Uebelstand 
soll durch die wöchentliche Plauderstunde 
behoben werden. In zwangloser Unter 
haltung soll ein reger Gedanken- und 
Meinungsaustausch vor sich gehen. Was 
die Kinder erlebt, was ihnen gefällt oder 
mißfällt, was ihnen unklar ist, kurz und 
gut, alles, was ihnen das Herz bewegt 
und auf der Zunge brennt, hier soll's 
runter von der Leber. Man hofft, daß 
durch einen solchen Verkehr die Kinder 
zutraulicher werden, daß der Lehrer ihre 
Eigenheit, ihre Individualität besser 
kennen lernt, daß sich die Kinder, wenn 
angängig, gegenseitig die Antwort selbst 
geben, daß ihr Horizont erweitert wird 
und was dergleichen Lichtpunkte noch 
mehr sind." 
Die Forderung einer eigenen Stunde 
für diesen Zweck ist — man verzeihe — 
echt schulmeisterlich! Um alles in der 
Welt darf man doch diese freie Betäti 
gung der Kinder, das geistige Selbsttätig 
sein, die beste Form einer recht verstan 
denen „Arbeitsschule" nicht in fixe Stun 
den zwängen. Eine widersinnigere Deu 
tung eines durchaus berechtigten moder 
nen Gedankens ist uns nicht leicht unter 
gekommen. In allen Stunden und Fächern 
muß die freie Aussprache der Kinder 
möglichst gepflegt werden und es ist so 
recht bezeichnend dafür, wie tief wir 
noch in den starren didaktischen Formen 
stecken, daß für die geistige Selbsttätigkeit 
der Kinder eine eigene Stunde angesetzt 
werden will. Wo rechter Unterrichtsgeist 
herrscht, der durchaus nicht in Scharrel- 
mannsche und Gansbergsche Extreme 
auszuarten braucht, wo geistige Selbst 
tätigkeit der Kinder gepflegt wird und 
auch dem Gelegenheitsunterricht ohne 
allzu ängstliche Lehr- und Stundenplan 
sorge Raum gegeben wird, da braucht 
man keine eigene „Plauderstunde". Sie 
gehört im „pädagogischen Narrenschiff" 
verfrachtet!* 
Line psychologische Minik soll an der 
Washington-Universität zu Seattle bei 
der Abteilung für Psychologie und Päda 
gogik eingerichtet werden. Es werden 
ihr solche Fälle psychischer Anomalien 
zu kostenloser Untersuchung und Behand 
lung zugeführt, die nicht unmittelbar in 
den medizinischen und pädagogischen 
Wirkungskreis fallen und denen Ellern, 
Lehrer und Aerzte ohne rechtes Ver 
ständnis und rechten Rat gegenüberstehen, 
während ein geübter Psychologe sie noch 
am ersten diagnostizieren und behandeln 
kann. Daß dabei die psychologische For 
schung gewinnen wird, ist klar. Die 
Klinik wird wöchentlich an einem Vor 
mittag gehalten und es wird auf die 
Unterstützung der Lehrer und Schulärzte 
gerechnet. 
Selbsthilfe der Lehrerschaft für die Ver 
tiefung der Berufsbildung. 
Der Bezirkslehrerverein München 
hat, wie an dieser Stelle schon berichtet 
1 Vgl. den Aufsatz „Gelegenheitsunterricht" 
in den „Proben und Skizzen aus der Schul 
mappe". 
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