Full text: Pharus - 15.1924 (15)

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welchen wert hat das Studium der Pädagogik des 
20. Jahrhunderts, und welche Richtlinien sind dafür 
zu empfehlen? 
Von Dr. G. Grunwald, Hochschulprofessor in Negensburg. 
I. 
ätten die Historiker mit ihrer Ansicht recht, daß man die jüngste Ver- 
^4 gangenheit nicht eigentlich historisch behandeln könne, daß es Ge 
schichte als Wissenschaft nicht ohne das Pathos der Distanz gebe, daß sich 
eine Kulturepoche nicht historisch darstellen lasse, in der man noch selbst 
lebe, daß man hier nichts geschichtlich festzustellen vermöge, wo alles noch 
im Flusse sei, so brauchte deswegen eine Darstellung der Pädagogik des 
20. Jahrhunderts nicht überhaupt ohne Wert zu sein. Ihr Wert muß ja 
nicht ausschließlich oder auch nur in erster Linie im Historischen liegen, 
er kann vorzugsweise von pädagogischer Art sein. Gewiß steht nicht bloß 
die erzählende oder aufzählende, sondern auch die lehrhafte oder prag 
matische Geschichte auf vorwissenschaftlicher Stufe. Zur eigentlichen Wissen 
schaft wird die Geschichte erst, wenn sie die entwickelnde oder genetische 
Methode anwendet. Die Geschichte wird ihrer Aufgabe nicht gerecht, 
wenn sie sich darauf beschränkt, ein Wissen der Begebenheiten zu ver 
mitteln, „woraus man lernt, was im politischen Leben nützlich oder schäd 
lich, was überhaupt zu einer guten, nützlichen Lebensführung dienlich fei", 1 
wie es die lehrhafte oder pragmatische Geschichte trotz oder vielleicht ge 
rade wegen ihrer Aufmerksamkeit auf die Motive für das Handeln der 
Individuen vor allem tut. Anders liegt die Sache, wenn es sich um die 
Geschichte einer Wissenschaft, zumal einer praktischen, handelt, wie es die 
Pädagogik ist, und zwar erst recht, wenn die letzten Jahrzehnte ihrer 
Entwicklung dargestellt werden sollen. 
So sehr man sich dabei auch vor jener expressionistischen Geschichts 
gestaltung zu hüten hat, wie sie besonders durch Th. Lessing und 
O. Spengler modern geworden ist, so darf doch der Pädagog, der sich 
mit der Geschichte der Pädagogik in den letzten Jahrzehnten befaßt, nicht 
vergessen, daß sein Interesse nicht so sehr der Vergangenheit als der 
Gegenwart und erst recht der Zukunft gilt. Ohne diese Fähigkeit, in die 
Zukunft zu schauen, genauer, aus der Vergangenheit und Gegenwart auf 
die Zukunft zu schließen, wird kaum der pädagogische Praktiker, sicher 
aber nicht der Theoretiker der Pädagogik auskommen, wenn dieser der 1 
1 Vgl. E. Bernheim, Einleitung in die Geschichtswissenschaft, 2. Anst., Berlin und 
Leipzig 1920, S. 11. 
Pharus XV (1924), Heft 3. 
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