Full text: Pharus - 15.1924 (15)

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Kurze Berichte und Mitteilungen. 
24 Bände. Jeremias Gotthelf ist ein wahrer Meister der Charakterzeichnung, ein tiefer 
Kenner der menschlichen Natur und ein Volkserzieher ersten Ranges. Gottfried Keller 
nennt ihn das größte epische Talent, das seit langer Zeit lebte. Wir dürfen Jeremias 
Gotthelf zu den Klassikern unserer Literatur zählen. Vor allem ist es das bäuerliche 
Leben, das er mit ungeheuerer Realistik darstellt. Seit dem Kriege erfreuen sich die 
Schriften Gotthelfs einer steigenden Beachtung. Gerade für den Pädagogen ist das 
Studium der Werke Gotthelfs sehr fruchtbar. Er öffnet den Blick für das konkrete 
Leben und den wirklichen Menschen, so daß feine Erzählungen für ethische und lebens- 
knndliche Auswertung sehr dankbar sind. Man denke z. B. nur an die Erzählung: 
„Elsi, die seltsame Magd" (Pharus 1924. Seite 107 ff) Den Lesern des Pharus ist 
der Schweizer Schriftsteller nicht unbekannt. Im vorigen Jahr brachten wir eine Ab 
handlung über Jeremias Gotthelf als Volkserzieher aus der Feder von Pfarrer Joseph 
Weigert. Es war nicht immer leicht, sich die Schriften von Jeremias Gotthelf zu ver 
schaffen. Diesem Mangel will der Eugen-Rentsch-Verlag in München abhelfen, der 
eine Gesamtausgabe der Werke Gotthelfs veranstaltet. Bis jetzt sind davon 11 Bände 
erschienen. Die Ausgabe bietet den authentischen Text; die einzelnen Bände sind ge- 
schmackvoll ausgestattet. 
Paul Natorp. Paul Natorp ist am 17. August im Alter von 70 Jahren gestorben. 
Sein Geburtsort ist Düsseldorf. Seit mehr als 40 Jahren war er Professor der Philo- 
sophie und Pädagogik an der Universität Marburg. Mit Natorp ist einer der mar 
kantesten Philosophen und Pädagogen der Gegenwart gestorben. Er war Neukantianer. 
Der Neukantianismus ist jene philosophische Richtung der Gegenwart, die von der 
kantischen Philosophie ausgeht, diese aber nach verschiedenen Richtungen hin kritisch 
berichtigt und sachlich durch die Erfahrungswissenschaften ergänzt. Es ist aber kein 
einheitliches System, sondern weist verschiedene Formen auf. Natorps Schrift: „Herbart, 
Pestalozzi und die heutigen Aufgaben der Erziehnngslehre" war eine offene Kriegs 
erklärung gegen die theoretische Grundlegung der Pädagogik Herbarts. Die Pädagogik 
muß ihre Sätze ans philosophischen Prinzipien ableiten. Damit tritt Natorp in Gegen 
satz zur naturalistischen Pädagogik, die alle ihre Sätze aus der Erfahrung ableiten 
will Die Philosophie, welche die Pädagogik zur Grundlage haben muß, findet Natorp 
im kritischen System Kants. Den Einheitspunkt für alle pädagogische Zielsetzungen 
sucht der Marburger Gelehrte in der Idee Sogar die Erfahrung steht unter dem 
Gesetz der Idee. Das hervorragendste Werk Natorps ist seine „Sozialpädagogik, 
Theorie der Willenserziehung auf Grundlage der Gemeinschaft". Natorps Sozial 
pädagogik geht nicht vom Individuum aus, sondern von der Gemeinschaft. Zwischen 
Natorps Sozialpädagogik und der sozialistischen Pädagogik bestehen viele Verbindungs 
linien. Das hat schon vor vielen Jahren Willmann festgestellt. (Aus Hörsaal und 
Schulstube, 347—348.) Natorp bekennt sich zu einer dogmenlosen Humanitätsreligion. 
Darum fordert er auch einen dogmenfreien Religionsunterricht. Mit Natorps Pädagogik 
haben sich kritisch auseinander gesetzt: Dr. Lechner (Pharus 1912), Dr. Timmen (1920) 
und Dr. Gschwind (1920). 
Die katholischen Schulen in England. Aus der zum erstenmal seit Kriegsende ver 
öffentlichten Schnlstatistik geht hervor, daß die Zahl der katholischen Schulen und ihrer 
Schüler im steten Wachstum begriffen ist. Die katholischen Schulen weisen eine Zu 
nahme von 140000 Schülern auf, während die übrigen Schulen einen Rückgang zu 
verzeichnen haben. Im Unterhause wurde ein Antrag angenommen, wonach den Katho 
liken beim Bau ihrer Schulhäuser eine staatliche Unterstützung gewährt werden soll. 
Dr.-Otto-willmann-Vund. Vom 2. bis 10 Juli hielt der Bund in Eger seine gut 
besuchte zweite Willmann-Woche ab. Die dritte Willmann-Woche findet im Juli 1925 
in Leitmeritz statt. 
Herausgegeben von der Pädagogischen Stiftung Lassiauenm iu Doaauwärtd. 
Verantwortlicher Hauptredakteur. Dr. Matthias Lechner, Pfarrer in Stätzling b. Augsburg. 
Mitredakteur: Heinrich Kautz, Lehrer in Hamborn a. Rh., Mittelstrabe 71. 
Beirat der Redaktion: 
Prof. Kruft M. Rolofs, Herausgeber d. Lexikons d. Pädagogik, in Berlin-Lichterfelde, Zehlendorferstr. 19/1. 
Truck und Verlag der Buchhandlung Ludwig Auer (Pädagogische Stiftung Casfianeum) iu 
Douauwürth. 
rille nicht anders verabredeten Einsendungen an Hauptredakteur Dr. Lechner in Stätzling b. Augsburg. 
Für Manuskripte, die nicht im ausdrücklichen Einvernehmen mit der Redaktion eingesandt werden, Wirt 
jede rechtliche Haftung abgelehnt. Nachdruck sämtlicher Beiträge im Hauptteil ohne vorausgehend- «b- 
machuug mit der Redaktion untersagt.
	        

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