Full text: Pharus - 16.1925 (16)

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PharuS XVI (lö25), Heft 6. 
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Abhandlungen 
Die Pädagogik des heiligen Ihomas von Dquin. 
Von Hochschulprofessor Joseph Engert. 
Es ziemt sich, in einer pädagogischen Zeitschrift als kleinen Beitrag 
zur Jubelfeier des heiligen Thomas von Aquin eine Dar 
stellung seiner Pädagogischen Gedanken zu geben. Das Thema lag dem 
Heiligen an sich fern. Denn sein heißestes Bemühen galt dem Ansturm 
der damals die abendländische Welt bewegenden, aus dem Morgenlande 
durch die Araber herüberflutenden Gedanken über Gott, die Welt und 
die Seele. Hier waren die gesamten Werte des Christentums zu retten, 
die zu Beginn des 13. Jahrhunderts wie eine innerlichst gegenwärtige 
Welt noch in der Seele lagen, nun aber durch die neuen Wogen der 
Gedanken erschüttert schienen und zu versinken drohten, wie die weiten 
Landstriche der Nordsee, welche den Sturmfluten zum Opfer fielen. Der 
Heilige stand hier wie ein Fels, und ihm gelang es, die christliche Welt 
und ihre Ideen trotz einem Kreuzfahrerheer auf Jahrhunderte hinaus in 
sicherem Port zu bergen. Gleichwohl schrieb er auch ein magistrales 
Büchlein über die Kunst des Lehrers in seiner q. 11 de veritate, betitelt 
De Magistro. Wir heben die Grundgedanken desselben heraus, da sie 
uns der Zeit gemäß und dem hohen Sinne des Heiligen würdig erscheinen. 
Mit klarer Sachlichkeit faßt der Heilige die Aufgabe des Lehrers ins 
Auge: Der Lehrer soll den Geist des Schülers formen, er soll die Tugend 
erziehen, die Wissenschaft vermitteln (a. 1 corp.). Zur Lösung stellt der 
Heilige das Kernproblem: Wie kommt formierter Geist, wie Tugend und 
Wissenschaft zustande? 
Die erste Frage ist die nach den Ursachen, welche die geistige Tätig 
keit des Menschen bedingen. Thomas sieht hier zwei einander schroff 
gegenüberstehende Extreme. Die einen — es sind die Araber, vor allem 
Avicenna (geboren 980 in der Provinz Bochara, gestorben 1037 zu 
Hamadan in Persien) — lehren: Ein Schöpfer der Formen oder eine 
tätige Intelligenz wirke unmittelbar alle Formen (also auch den mensch 
lichen Geist), während die unteren natürlichen Ursachen nur die Materie 
für die Aufnahme der Formen vorbereiteten. Desgleichen lehrt Avicenna: 
Die Ursache des Sittlichen sei nicht unsere Tätigkeit, vielmehr könne 
unsere Tätigkeit nur das Hinderliche fernhalten und die Seele für die 
eigentlich sittlich machende Intelligenz angleichen. Im selben Sinne kommt 
nach Avicenna die Wissenschaft dadurch zustande, daß die intelligiblen 
Formen oder die Ideen von jener tätigen Intelligenz in unseren Geist 
hinüberfließen (a. 1 corp.). Der Hintergrund der ganzen Auffassung der
	        

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