Full text: Pharus - 2.1911, Halbjahrband 1 (2)

Moderne Ausdruckskultur und christliche Innenkultur. 
von Dr. Joseph Bernhart. 
Line ästhetische Bewegung. 
D ie Propheten der deutschen Zukunft werden kleinlauter mit jedem Tag. 
Das Bild der Gegenwart ist allzu reich an Widersprüchen, als daß 
ein ernsthafter Geist es weissagen möchte, was am Ende als dauernde Ge 
staltung dem schwankenden Wirrsal der Kräfte sich entwinden wird. Zwar 
sind die plumpsten Theoreme des materialistischen Wahnes zum alten Eisen 
geworfen, aber dem neuen, ästhetisch genährten Idealismus fehlt das Gerüst 
großer und haltgebender Gedanken, um derentwillen es sich lohnte, sein 
Innerstes und Bestes dranzugeben. An lebendigem Einfluß auf die Umwelt 
hat der Ingenieur und Fabrikherr den deutschen Professor verdrängt — große 
Denker und Theologen gibt es ja nicht zu verdrängen. Aber der deutschen 
Rasse ist zuviel Innerlichkeit angeboren, als daß sie nicht nach Tagen der 
Verseichtung und Verödung immer wieder, der Stimme von innen hingegeben, 
auf den verschütteten Reichtum ihres Gemütes sich besänne. Wer Ruinen 
ehrt und an eigenen Volksweisen verarmt dem verschollenen Singsang der 
Väter nachgeht, wer unter Rauchschwaden und Drahtgewirr den weltfremden 
Träumen der Romantik nachhängt und begrabenen Jahrhunderten um ihrer 
Innigkeit willen eine heimliche Sehnsucht opfert, klagt auch, ob er will oder 
nicht, seine Zeit der seelischen Verflachung an. Tausend Anzeichen verraten 
endlich wieder eine Gärung der edlern Tiefen im deutschen Gemüt. Einige 
besinnliche Geister wollten das übersättigte Auge ihrer Zeitgenossen auf die 
verborgenen Lebensquellen im eigenen Innern zurückverweisen und haben 
mit dieser delphischen Weisheit in Büchern und Blättern um eine Gemeinde 
geworben. Sie konnten um so eher auf Bekenner hoffen, als ihr ehrlich ge 
meintes Evangelium alles Beugen unter irgendwelchen Zwang von außen 
widerriet. Stärker, weil sie der ethischen Gebärde sich zunächst enthielt, 
konnte eine andere, ans Sinnending, sein Werden und Wirken anknüpfende 
Bewegung um sich greifen, die nun im Laufe von zwei Dezennien zu einer 
erzieherischen Macht im deutschen Leben und Streben sich herausgebildet hat. 
Sie ist mit den Namen „Dürerbund" und „Kunstwart", ihrer längst volks 
tümlich gewordenen Stimme, bezeichnet, und ihr Ziel ist in der knappen 
Prägung Ausdruckskultur beschrieben. 
,Pharus' 1911, 1. Bd. 
25
	        

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