Full text: Pharus - 2.1911, Halbjahrband 1 (2)

Die Erziehungsausgabe als Prüfstein 
-er Weltanschauung? 
von hofrat vr. lvtto Willmann, Leitmeritz. 
1. Wenn wir in der Lage sind, mit Jemand in Verkehr zu treten, so 
suchen wir in Erfahrung zu bringen, woher er stammt und welcher Sinnes 
art er ist, wie schon bei Homer der Hausherr die bei ihm vorsprechenden 
Fremdlinge fragte: „Wer seid ihr, aus welchem Orte und welcher Leute 
Kind, woher seid ihr gefahren auf den feuchten Pfaden?" Wenn wir An 
schaffungen machen, halten wir uns an bewährte Firmen und lassen uns 
nicht von jedem Reisenden oder Hausierer etwas aufschwatzen. 
Wenden wir denn aber die gleiche Vorsicht an, wenn es sich um Ansichten, 
Meinungen, Beurteilungen handelt? Sind wir bei ihrer Aufnahme in unser 
Heim, bei Anschaffung dieser geistigen Bedürfniffe ebenso wählerisch? Die 
meisten fragen nicht nach deren Herkunft und Wert; sie greifen auf, was die 
Strömung der Zeit auf feuchten Pfaden angeschwemmt hat, sie beziehen ihren 
Bedarf von Hausierern, mit denen man ja die Zeitungen und Zeitschriften 
vergleichen kann, die nur die Tagesmeinungen wiedergeben wollen. Und von 
so oberflächlichem Hinnehmen sind die Leitgedanken und Gesamtansichten, die 
man in ihrer Vereinigung die Lebens- oder Weltanschauung nennt, nicht aus 
geschloffen. Wie mancher würde, wenn man ihn nach seiner Weltanschauung 
ftagte, einfach auf das Blatt zeigen, das er zum Morgenkaffee liest. So 
aufgeklärt und kritisch er sich vorkommen mag, an die Belehrungen und 
Weisungen seines Leibblattes stellt er nicht die Frage: „Wer seid ihr und 
welcher Leute Kind?" und auch nicht die andere, ob sie seinem wahren Be 
darf entsprechen und aus solider Firma stammen. 
Um eine Weltanschauung ist es aber eine ernste Sache. Man hat sie 
nicht mit Unrecht als das Ergebnis des Philosophierens bezeichnet. ^ Sie 
muß auf Prinzipien gebaut sein, und solche wollen denkend erarbeitet, nicht 
aber aufgegriffen werden. Was uns als Weltanschauung oder auch nur als 
1 Vorträge, gehalten bei dem 3. wissenschaftlichen Fortbildungskurs für katholische 
Lehrer in Bautzen vom 26. bis 28. September 1910. 
2 So Windelband, welcher der Metaphysik die Aufgabe stellt, die höchsten Prin 
zipien der Welterklärung und die auf ihnen beruhende Weltanschauung zu behandeln; .Ge 
schichte der Philosophie', S. 15. 
,PharuS' 1911, 1. Bd.
	        

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