Full text: Pharus - 3.1912, Halbjahrband 1 (3)

Charakter. 
(Knalyse eines pädagogischen Zchlagwortes.) 
von Hochschulprofessor Dr. 5 r - 3£. Eggersdorfer, Passau. Schluß. 
3. Die Zormeigenschaften des idealen Charakters. 
1. Die erste formale Eigenschaft des Charakters, so wie er nach allgemein 
menschlichem Urteil sein soll, liegt in der Energie des Handelns. Ein Cha 
rakter sein, heißt stark sein. Der Schwächling gilt zugleich als charakterlos. 
Gerade in der elementaren Kraft des Wollens liegt der Hauptreiz, den auch 
der große Bösewicht, „der Raubmensch", auf uns übt. Wir bewundern in 
ihm ein wertvolles Fragment des Guten, dessen Zauber wir uns nie ent 
ziehen können. Doch ist in diesem Fall nicht einmal die Energie des Wollens 
in ihrem ganzen Umfang gegeben. Neben der Tatenenergie nämlich, die 
sich in der kraftvollen Wirksamkeit nach außen zeigt, fehlt die sittlich und 
pädagogisch wertvollere Hemmungsenergie, welche im Innern des Menschen 
den Sieg des höhern Wollens über die Welt der sinnlichen und widersittlichen 
Triebe und Begierden bedingt. — Bei der Verwirklichung der idealen For 
derung der Charakterenergie im tatsächlichen Handeln offenbart sich wiederum 
eine dreifache Richtung derselben, welche sich jedoch bei den übrigen Form 
eigenschaften in ähnlicher Weise beobachten läßt. Eine jede einzelne Hand 
lung beruht auf einem Willensentscheid, dieser selbst setzt eine elemen 
tare Strebung voraus, welche ihrerseits wiederum aus einem Gefühls 
erlebnis erfließt. Der energische Charakter muß ebenso über die Ent 
schiedenheit in seinem Entschluß, über die Konzentration in seinem 
Streben, über Begeisterung und Feuer in seinem Gefühl verfügen. 
Die Charakterenergie ist als erste Formeigenschaft des idealen Charakters 
zugleich ein wichtiges Teilziel der Charakterbildung. Kein anderes ist dem 
heranwachsenden Menschen so verständlich in seinem Wert. Nicht selten ge 
nügt es, ihm irgendeine moralische Leistung unter dem Gesichtspunkt der 
Kraftanwendung zu zeigen, um sein Ich für dieselbe zu gewinnen. Die 
methodische Hilfe des Erziehers hat vor allem dafür zu sorgen, daß die mehr- 
äußerliche, Physische Tatenergie in innere, versittigende Hemmungs 
energie übergeführt werde. „Zunächst muß das Moralische auf dem Wege 
natürlicher Kraftentfaltung ein Erlebnis werden" (Förster). Tapferkeit 
und Selbstbeherrschung sind so in eine höhere Einheit aufgelöst. Die 
.PharuS 1912, l. Bd. 19
	        

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