Full text: Wochenschrift für katholische Lehrerinnen - 36.1923 (36)

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Inhaltsverzeichnis: Müller, Zeit- und Berufsgedanken zum dankbaren 
Gedächtnis an paulins Werber. 3um zweiten Todestage S. 177. perl, 
Eine venischsiunde im siebenten Schuljahr mit besonderer Berücksichtigung 
des Krbeitrprinzips S. 178. pädagogische Rundschau: Zürn Reichsschul 
gesetz. Grrrndsätze über Einrichtung und Gebrauch des Lesebuches. Rus 
der Zeit: 3ur Schulnot im besetzten Rhein-und Ruhrgebiet. Amtliches: 
Zahl der Kufrückungsftellen der Gruppe 3. Verleihung von Kufrückungs- 
stellsn. Tätigkeit der Lehrerräte. Zuschüsse zu den Umzugskosten. Reise- 
und Umzugskosten. Ausfallen des Unterrichts. Befreiung vom Turnunter 
richt. Warnung der Schüler vor dem Spielen mit Streichhölzern usw. Aus 
unserem Verein: 6n alle Vereinsmitglieder. Verantwortung. 3umVereins 
beitrag. Bezirks, und Zweigvereine. Reiseaustaufch. Merktafel. 
Stellenvermittlung. 
Seit- und verufsgedanken 
zum dankbaren Gedenken an Pauline herber. 
Sm» zweit«» Todestage. 
von Maria Müller, Trier. 
Die Unsterblichkeit der Seele ist eines der tiefsten und trost- 
vollsten Mysterien unseres Glaubens, wenn uns Angst umschleicht 
und peinigt, daß der Tod uns abberufen könne, ehe wir den Sinn 
unseres Seins erfüllt härten, dann verstummt das Bangen vor dem 
gläubigen Aufblicke auf unser wanderziel in den weiten ewiger 
Vollendung. Und wenn liebste Menschen uns voranschreiten durch 
das dunkle Tor zum Jenseits, lösen sich die Tsualen des Schmerzes 
nur in dem hoffen auf eine dsreinstige Begegnung in einer lichteren 
Daseinsform. 
Uber es ist auch etwas Großes und Geheimnisvolles um die 
Fortpflanzung eines Namens von Generation zu Generation, von 
Jahrhundert zu Jahrhundert. Es ist ein Gradmesser für die Größe 
und - die universelle Bedeutung einer Persönlichkeit, wie weit die 
Tragkraft treuen Gedenkens, bewundernder Liebe und lebendiger 
Nachahmung reicht. Die irdische Form der Unsterblichkeit ist der 
Dank der Nachwelt an ein Menschenleben, das seine Lichtstrahlen 
richtunggebend über einen breiten Lebenskreis aussandte. 
Es steht uns nicht an, heute schon einen endgültigen Wertmaß- 
stab anzulegen an die Persönlichkeit der teuren verstorbenen, deren 
Todestag zum zweitenmal wiederkehrt. Der Schmerz um ihr Scheiden 
ist noch zu frisch. Die Innigkeit des Zugehörigkeitsgefühles zu pauline 
Werber ist noch zu persönlich, als daß wir den nötigen Abstand zu 
einem objektiven Urteil ausbrächten. Uber eines steht in unserer 
Macht, eines ist sogar Pflicht, eine liebe herzenspflicht für uns 
Frauen und Lehrerinnen, darüber zu wachen, daß pauline herber 
in unserem innersten Sein, in unserem Verein, unter unseren jungen 
Amtsschwestern, in kath. Frauenkreisen und vor allem auch in der 
weiblichen Jugend weiterlebt, und daß, soweit es an uns liegt, ihr 
Uaine nicht wie so viele einst Klingende Namen untertaucht in dem 
Dunkel des vergessens, in dem Gewirrs unserer Tage. 
pauline herber mußte sich Bahn brechen durch schwere Lebens- 
stürme hindurch, wer auf dem Aufstiege zu einem weitspannenden 
Beru-swirken so plötzlich halt machen mußte, wer die noch übrig 
gebliebenen Lebenskräfte sammelte zu einem Werke, das noch kein 
Vorbild hatte, wer jahrzehntelang den Uampf in sich erlebte zwischen 
einem gebrechlichen, leidenden Uörper und einem starken, hoch- 
fliegenden Geiste, der konnte nur durchhalten und sichen mit einem 
unverwüstlichen Lebensglauben, mit dem Glauben an eins höhere, 
bessere Welt als die gegenwärtige Welt mit all ihren Erbärmlich 
keiten, Entbehrungen, Enttäuschungen. Nur eine solche Lebenskraft, 
wie sie in paulins Herders Seele glühte und wirkte, Kann auf 
bauend eingreifen in die furchtbare Not unserer Zeit. Die (Quellen 
der Ewigkeit fließen auch uns, die Lichtstrahlen aus der höhe der 
Gotteswelt treffen auch unsere Seele, wenn wir sie wie unsere ge 
liebte verstorbene weit öffnen in Glauben und hoffen. 
pauline herber ist tot; aber ihr Werk lebt, und wir sind die 
Träger dieses Werkes, wir künden der Welt, die immer mehr im 
Ichwahn, im Flusse des Mammons zu versinken droht, daß heute 
noch eine große Schar von Berufsmenschen zusammengehalten wird 
durch die Idee, daß eine mächtige Vereinigung von Lehrerinnen in 
allen Teilen unseres Vaterlandes unentwegt an dem Motto festhält, 
das eine schlichte Lehrerin vor Jahren in unsere Reihen gerufen 
hat: „Die Uraft der Iugend, Treue dem Vaterlands, Gott das 
herz." vielleicht ist es der Geist der verstorbenen, der heute stärker 
als je treibt und drängt, die tieferfaßte christliche Gemeinschastridee 
in mannigfachen Formen immer bewußter und begeisterter in unserem 
Vereine und darüber hinaus in der deutschen Volksgemeinschaft zu 
verwirklichen. 
wenn heute hinter den älteren Lehrerinnen eine jüngere Schwestern 
schar steht, die besonders hart von der Wucht der Zeit getroffen ist, 
und die trotz aller Hemmungen, trotz einer langen öden Wartezeit 
dem Berufe innerlich treu bleibt, noch die Schwungkraft aufbringt, 
mit ihrem jungen Fühlen und Freuen die Vereinszusammenkünfte 
zu beleben, dann zeugt dies auch dafür, daß einst feine Fäden des 
Verstehens und der Geflnnungsgemeinschaft zwischen Pauline herber 
und den Führerinnen der Junglehrerinnen webten, war doch die 
Zeitschrift „Die Iunge Lehrerin" ein Lieblingskind der treu besorgten J 
Mutter im Heime zu Boppard. Diese geistige Mutterschaft breitet 
gewiß auch heute aus der Ewigkeit ih"»e schützenden Schwingen über 
die tapfere Schar der Rammenden und der werdenden, wie immer 
sich auch das Los unserer Schwestern gestalten mag, das Leben wird 
auch ihnen einmal seine verborgenen Tiefen und Schönheiten er-! 
schließen: es wird ihren Glauben nicht trügen, wenn sie wie bisher! 
verehrend aufschauen zu ihrer mütterlichen Hüterin und Führerin in 
einem höheren Leben. 
vielleicht sind gerade unsere kampfesmutigen und hochstrebsnden 
Junglehrerinnen mit berufen, im Sinne pauline herbers Frauen 
würde in einer Zeit zu erhalten, wo alles darauf hinarbeitet, der 
Frauen heiligste Güter zu erschüttern. Nichts ging der verstorbenen 
so nahe, als wenn sie sah, daß in einer Zeit, wo die Frauen wie i 
Judith sich in das Gewand der Trauer hüllen, und in todesmutigem 
Ringen der „Menschheit würde" aus der Erniedrigung retten sollten, 
sich so weit vergaßen, daß sie ihr Frauensein, ihre Reinheit und 
Hoheit mit Füßen treten ließen, viele unserer Jugendlichen wiffen 
es, daß der tiefste Sinn der Frauenbewegung darin liegt, in edler 
Selbständigkeit, unter höchsten ethischen und geistigen Forderungen 
ihr Frauentum von innen heraus zur weiblichen Persönlichkeit zu 
formen und sie zu krönen mit der unsichtbaren Ürone einer un 
antastbaren Weiblichkeit. 
Aber bei aller Würdigung der Selbstbehauptung, für die pauline 
herber immer mutig eintrat, dürfen wir doch nicht außer acht laffen, 
daß gerade pauline herber die letzte wesenstiefe der Frau in der
	        

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