Full text: Wochenschrift für katholische Lehrerinnen - 36.1923 (36)

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Nr. 5 
36. Jahrgang 
3. Februar >923 
Inhaltsverzeichnis: Probleme der Lebrerbildung-reform 8. 29. 3um 
tzochscholstuöium der volksfchullehrer 5. 50. T M, Berufsberatung der 
volksfchülerinnen 5. 32 Kur der Seit: Besoldung, pädag. Inst. Saar- 
r kiet. Amtliches: Urlaub. 6us unserem Verein: Beitrag. Koblenz. 
eztrbs- und Sweigvereine. Vereinskalender. Merktafel. 
Lücherbesprechungen. Stellenvermittlung. 
Probleme der LehrerbildLkgrresorm. 
von Studienrätin ÖE. S. 
Das neue Jahr bringt uns in dieser Frage hoffentlich die vor 
bereitenden Besprechungen bei den Behörden und im Landtage. 
Es ist darum nötig, daß auch der katholische Lehrerinnenvcrein 
noch einmal alle grundsätzlichen Fragen dieser ebenso wichtigen als 
schwierigen Materie durchprüft und in einem wohlüberlegten Ge 
samtp'an der Öffentlichkeit und den Behörden zur Renntnis bringt. 
Zu dieser Arbeit muffen aber alle Kreise und Einzelpersönlichkeiten 
beitragen, die in der Lage sind, aus praktischer Erfahrung und 
theoretischer Zielbewußtheit winke zur Lösung der im Stoff und im 
Zweck liegenden Schwierigkeiten zu geben. Deren aber gibt er 
genug Lin überreiches Arbeitsfeld wartet hier. 3m folgenden soll 
eine kleine Blüten- oder Do.nenlese, wie man es nennen will, ge 
geben werden. Einigkeit herrscht in der Fra--e der Allgemeinbildung 
der künftigen Lehrer. Sie wird von der Berufsbildung getrennt 
und kann nur durch eine höhere Schule erworben werden. Die 
preußische Unterrichtsverwakung hat in dieser Beziehung bereits 
gehandelt; sie hat sämtliche Präparandien abgebaut und tritt nun 
in den Abbau der Seminare ein. An Stelle der Seminare sind 
höhere Schulen getreten. Damit ist deutlich gesagt, daß ein grund 
legender Unterschied zwischen einst und jetzt in der Lehrerbildung 
Kommt, selbst wenn die Berufsausbildung nicht weit von der Seminar 
klaffe des Gberlqzeums abwiche. Die Allgemeinbildung des künf 
tigen Lehrers wird durchgehends vom Akademiker gegeben, diese 
Bildung ist simultan, und nimmt beim Lehrer in keinerlei weise 
Rücksicht auf den künftigen Beruf. Der weg wird also langer. 
Der Studienrat hat in dieser Vorbildung viel mehr Hilfe als der 
volksschullehrer. wo er Schüler war, wird er wieder Lehrer. 
Seine künftige Berufsstätte zeigt dieselben Eigentümlichkeiten, die 
er im empfänglichsten Alter erlebt. Er steht dauernd am Born des 
Crinnerns und arbeitet in vertrauter Umgebung. Dis Wissenschaft 
die er schöpfte, kann er immer wieder erneuern im beruflichen 
Spenden. Sein Unterricht beschränkt sich auf wenige Facher, denen 
er Jahre wissenschaftlicher Arbeit gewidmet hat. Der Volksschul 
lehrer dagegen tritt in den völlig verschiedenen Lebens- und Ge 
dankenkreis der Volksschule. Der Stoff tritt hier zurück — der 
Lehrer ist alles, seine Erzieherpersönlichkeit, seine rein menschliche 
Einstellung. Daraus ergeben sich Berufsschrvierlgkeiten, welche die 
Berufsausbildung des Lehrers überwinden muß. 
Es ist klar, daß die Lehrerberufsausbildung von den Zwecken 
der künftigen Schule ihre Richtung erhalten muß. Die künftige 
Schule ist aber vielgestaltig — Volks-, Mittel- und alle Arien der 
höheren Schule, hilfs- und gehobene Reffen — konfessionell, simultan 
und religionslos, Mädchen- und Rnabenabteflung. Es soll dem 
Lehrer später noch möglich sein, ohne Verlust an Zeit und Geld 
zur höheren Schule weiterzusteigen, ebenso in den Schulverwaltungs 
«nd Auffichtsdienst. Rann es für so verschieden geartete Berufs 
gebiete einerlei Ausbildung geben? Die Forderung der einheitlichen 
Lehrerbildung ging von der Voraussetzung der Einheitsschule aus. 
heute ist man sich aber bereits klar, daß die nackte Form der 
Einheitsschule weder den bestehenden Verhältnissen in Deutschland, 
noch den beruflichen Voraussetzungen, noch der Bildungshöhe unseres 
Volkes entspricht. So hat man neuen Inhalt in das alte Schlag 
wort gepreßt und je nach wel-anschauung, nationaler und päd 
agogischer Einstellung gibt es Längs- und Huerschnitte in dieser 
Einheit, daß von der alten Einheitsschule nur noch der Name bleibt. 
Damit kommt aber nun in Konsequenz auch die einheitliche Lehrer 
bildung in einen anderen Blickpunkt. Drei große Bruchlinien 
treten heraus. Zunächst das Problem der Lehrerbildung in bezug 
auf das Bildungsziel der Schule: Volks-, Mittel-, höhere Schule. 
In Thüringen ist man dieser Kernfrage recht summarisch zu Leibe 
gegangen. Der Lehrer der Grundschule hat neben Pädagogik ein 
wissenschaftliches Fach, der Mittelschule (zu der auch der Mittelbau 
aller höheren Lehranstalten gehört) zwei wiffenschastliche Fächer und 
der höheren Schule vier Fächer. An diesem abschreckenden Beispiel 
sehen wir, wohin die Mechanisierung eines Grundsatzes führen kann. 
Aber ein dankenswertes Problem ist hier aufgerollt, das uns zeigt, 
wie sehr wir noch am Anfang aller Pädagogik stehen. 
Um zur Lösung zu kommen, wird es zweckmäßig fein, zunächst 
die Frage der Lehrerbildung für Volks- und mittlere Schulen zu 
lösen, und die Gderlehrerreform vorerst ihre eigrnen Wege gehen 
zu lassen. Sie führen jetzt schon auf eine stärkere Betonung der 
Pädagogik, auf eine deutlichere Herausarbeitung der Erzieher 
persönlichkeit gegenüber dem Fachspezialisten, denn die Erziehung 
ist heute das Problem der höheren Schule. In dieser Richtung 
liegt eine Annäherung an die Ziele der allgemeinen Lehrerbildung 
und hier dürfte auch der Schnittpunkt sein, in dem sich beide 
Richtungen treffen werden. Die Frage der Volks- und Mittelschul 
lehrerbildung muß davon ausgehen, dag diese Trennung in der 
Schulorganisation tatsä blich besteht und Laß ein verschiedenes Stu 
dium und verschiedene Prüfungen bisher zu beiden führen. Dieses 
getrennte Studium soll künftig nicht mehr nötig sein, noch auch eine 
besondere prümng für die Mittelschule. Daraus folge, daß alle 
Lebrer eine Ausbildung haben müßten, die sie auf die Höhe des 
Mittelschullehrers brächte, auch in den Fachkenntnissen, Heute schon 
wird zugegeben, daß die Prüfung des Mittelfchullehrsrs in den 
betreffenden Wahlfächern über das hinausgeht, was die lvbev- 
lyzeistin in denselben Fächern in der Reifeprüfung zu leisten hat. 
Die Lehrer wünschen dementsprechend auch für die neue Berufs 
ausbildung neben Pädagogik ein wissenschaftliches Wahlfach in voller 
akademischer Höhe. Aber auch die Ausbildung und Prüfung für 
die Hilfsschule soll wegfallen. Dann muß sich eben diese sozial- 
hygienische Ausbildung in die allgemeine Berufsausbildung ein 
gliedern. von zwei Seiten wird also bereits die Berufsausbildung 
beeinflußt durch diese Forderungen, von der wissenschaftlichen sowohl 
wie von der methodischen. Da auch das Rektorat nicht mehr durch 
Prüfung, sondern durch Eignung gewonnen werden soll, ist es nötig, 
auch nach dieser Richtung die Berufsausbildung zu vervollständigen. 
Der zweite Bruch in der Einheit ergibt sich aus den ver 
schiedenen Schulformen nach der Weltanschauung. Je stärker die 
Weltanschauung in den Vordergrund rückt, je mehr sich die Mächte- 
oerhältniffe der Gruppen einander nähern, desto notwendiger ist die
	        

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